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Kunstmuseen Krefeld, Kaiser Wilhelm Museum Auf Freiheit zugeschnitten. Das Künstler-Kleid um 1900 in Mode, Kunst und Gesellschaft

11. Oktober 2018 @ 19:00 - 24. Februar 2019 @ 0:00

Eröffnung: 11. Oktober 2018, 19 Uhr 
Laufzeit: 12. Oktober 2018–24. Februar 2019

Ausgehend vom künstlerischen Reformkleid untersuchen die Kunstmuseen Krefeld erstmals in einer Ausstellung die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Kunst, Mode, Fotografie und Tanz im Kontext der Reformbewegung zwischen 1900 und 1914. Die interdisziplinäre Fragestellung und jüngste Forschungsergebnisse ermöglichen neue Perspektiven auf diese spannende Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Einengung, Ornament und Befreiung sind dabei Schlagworte, die nicht nur das damalige Frauenbild definieren, sondern auch die sich neu entwickelnden künstlerischen Disziplinen und ein anderes Verständnis von Kunst. 
 
Seit jeher spiegelt Kleidung die Gesellschaft auf vielfältige Weise.Kleidung transportiert Vorstellungen und Wertesysteme, definiert den gesellschaftlichen Status. Heute ist Kleidung vor allem Ausdruck von Persönlichkeit und Individualität. Um 1900 unterlag die Kleidung der Frau dagegen dem Modediktat aus Paris und damit dem männlich dominierten Blick. Der Befreiung von diesen Abhängigkeiten sind lange Kämpfe vorausgegangen, die im deutschsprachigen Raum um 1900 einen Kulminationspunkt erreichten. Mode wurde zum Synonym für eine körperliche wie gesellschaftliche Emanzipation.  

In Krefeld fand im August 1900 die erste Ausstellung künstlerischer Reformkleider in Deutschland statt. Angeregt von Friedrich Deneken, dem Gründungsdirektor des Kaiser Wilhelm Museums, wurden Kleiderentwürfe von bekannten KünstlerInnen gezeigt, darunter Henry van de Velde, Alfred Mohrbutter, Richard Riemerschmid und Margarethe von Brauchitsch. Die Krefelder Ausstellung im Jahr 1900 war ein Auftakt, zahlreiche weitere Präsentationen von Künstler-Kleidern folgten in anderen Städten. Hatte man schon in den Jahrzehnten zuvor zunächst in den USA und in England, dann auch in Mitteleuropa für eine Reform der Frauenkleidung und Frauenkultur gekämpft, die sich vor allem am Für und Wider des Korsetts abarbeitete, so kam nun ein grundlegend neuer Aspekt hinzu. »Von heute an sind Ausstellungen von Damen-Kleidern in die Kategorie der Kunst-Ausstellungen eingereiht«, lautete die Überzeugung Henry van de Veldes. Frauenmode sollte nicht länger nur bequem und gesund sein, wie es dem Grundgedanken der Lebensreform entsprach, sondern darüber hinaus auch eine ästhetisch anspruchsvolle Gestaltung erfahren – und zwar durch Künstlerinnen und Künstler. 

Mit der Aufhebung der Grenzen von freier und angewandter Kunst erhielten die KünstlerInnen eine Schlüsselrolle bei der Erfindung neuer, zeitgemäßer Formen. Architektur, Einrichtung und Ausstattung wurden als Gesamtkunstwerk definiert und aus einer einheitlichen Formensprache heraus gedacht. In diesen Kontext gehörte nun auch das Künstlerkleid, dessen Erscheinung sich an der Rauminszenierung wie an der Individualität der Trägerin orientierte. Die Kleiderentwürfe des Jugendstil zeigen eine erneuerte Auffassung von Schönheit, die, wie Henry van de Velde es ausdrückte, als »Waffe« wirken sollte. Bei der jungen Avantgarde wurde das selbst entworfene Kleid zu einem unabhängigen Kunstwerk, das die Empfindung als Bewegung in den Raum übertrug. Und Giacomo Balla attackierte mit seinem radikal neuen Design von Anzug und Krawatte die »Uniform« und das Männlichkeitssymbol des Mannes und verknüpfte damit eine politische Botschaft. Die Kuratorinnen Ina Ewers-Schultz und Magdalena Holzhey erläutern: »Das Künstler-Kleid in all seinen unterschiedlichen Ausprägungen wird so vor dem Ersten Weltkrieg zu einem Kristallisationspunkt für die umfassenden europäischen Erneuerungsbewegungen. Die Künstler als Entwerfer und das Kleid als Kunstwerk: diese Ideen führen jahrhundertealte Wertesysteme und Rollendefinitionen ad absurdum und bedeuten einen radikalen Akt von Kunst- und Gesellschaftskritik.«

Ausgehend von der historischen Ausstellung in Krefeld 1900 untersucht die aktuelle Schau im Kaiser Wilhelm Museum die Voraussetzungen, Auswirkungen und historischen Verflechtungen zwischen den ProtagonistInnen. Dabei rücken erstmals die komplexen Wechselbeziehungen zwischen freier Kunst, Kunsthandwerk, Mode, Fotografie und Tanz in den Blick, ebenso wie das Netzwerk, das sich von den Zentren des künstlerischen Aufbruchs in Deutschland über Belgien, Holland, Wien und Paris bis nach England und Glasgow spannte. Das Bild der Frau, das sich innerhalb der Reformbewegung in unterschiedlichsten Facetten spiegelt, von der Frau als dekorativem Objekt bis zur Frau als schöpferischer Künstlerin und selbstständiger Unternehmerin, wird eingehend analysiert und neu bewertet. »Das Projekt zeigt in ganz besonderer Weise die neue Programmatik der Kunstmuseen Krefeld, die die  Aufarbeitung der reichen Museumsgeschichte mit einer aktuellen Perspektive  und neuen Forschungsansätzen verbindet«, sagt Museumsdirektorin Katia Baudin.

Die opulente Schau vereint Bestände der eigenen Sammlung mit zahlreichen hochkarätigen Leihgaben aus dem In- und Ausland in einer anschaulichen Inszenierung. Von den Präraffeliten über die Gesamtkunstwerk-Entwürfe des Jugendstils, der Wiener Werkstätte und der Expressionisten, vom Ausdruckstanz bis zu neuen Medien der Inszenierung und Verbreitung wie Fotografie und Modezeichnung spannt sie ein Panorama der Moderne. Bekannte ProtagonistInnen wie Sonia Delaunay, Isadora Duncan, Emilie Flöge, Mariano Fortuny, Josef Hoffmann, Ludwig von Hofmann, Wassily Kandinsky, August Macke, Paul Poiret, Johan Thorn Prikker, Henry van de Velde, Heinrich Vogeler, Eduard Vuillard stehen neben wieder zu entdeckenden Namen wie Vanessa Bell, Mela Köhler, Frances MacNair und Margaret MacDonald, Ditha Moser, Anna Muthesius, Else Oppler, Mileva Roller oder Emmy Schoch.

 

 

 

Quelle: Katrin Luz, Foto: Volker Döhne

Details

Beginn:
Oktober 11 @ 19:00
Ende:
24. Februar 2019 @ 0:00
Veranstaltungkategorie:

Veranstaltungsort

Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld
Krefeld, Deutschland + Google Karte