Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

In unsere Rubrik zum Gedenken an bereits verstorbene legendäre Musiker reihte sich vor wenigen Wochen durch seinen tragischen Tod ein weiterer Künstler ein, der bereits zu seinen Lebzeiten eine Legende war und dessen einzige, ihn aufhaltende Grenze nur der Himmel gewesen zu sein schien: Michael Jackson – The King of Pop! Er war nie ganz vergessen, er zog sich lediglich komplett aus der Öffentlichkeit zurück und als er dann am 05. März 2009 die Nachricht seines Comebacks persönlich der Öffentlichkeit überbrachte, taumelten all seine in den vergangenen Jahren geduldig wartenden Fans zunächst vor Freude, bevor sie nur wenige Monate später durch die schockierende Nachricht des Donnerstag, den 25. Juni 2009 ungläubig erstarrten: Der King war gestorben! Was daraufhin folgte war eine die Welt des Pop überflutende, krachende Lawine aus Gerüchten, tragischen Fakten, Halbwahrheiten und Predigten von all den Besserwissern, die dem König noch bis zuletzt angeblich doch so sehr nahe standen. Unfassbar, was für ein Sturkopf der einsame Star doch gewesen sein muss – schliesslich wollten ihn all seine engen Begleiter völlig selbstlos nur beschützen, sorgten sich aufopfernd ständig um ihn und sein Wohlergehen und warnten ihn immer wieder mit aufrichtigen Worten. Wenn der Sänger in seinem Exil, fernab der Menschheit, mittlerweile nicht an Taubheit litt, dann konnte er all die Ratschläge und Warnungen wahrscheinlich deshalb nicht vernehmen, weil es sie gar nicht gab. Vielmehr ist es vorstellbar, dass sich die Masse schon lange nicht mehr bei ihm blicken liess und sich dazu noch vom Rest der ab und zu bei ihm Anwesenden keiner traute, den Mund zu öffnen oder aber es viel bequemer fand, sich in den Dienst des stets großzügigen „alten“ Königs zu stellen, als sich gegen ihn aufzulehnen und dem kranken Menschen dahinter Hilfe – in welcher Art und Weise auch immer – zukommen zu lassen.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Hinterher sind wir ja alle immer ein wenig schlauer. Das Königreich trauerte und der Bruder, Jermaine Jackson, trat sichtlich ergriffen noch am Tag der Todesnachricht vor das Volk mit den Worten: „Es ist hart. Mein Bruder, der legendäre King of Pop, starb heute um 14.26 Uhr, wahrscheinlich an Herzversagen. (…) Möge Allah dir beistehen, Michael.“ In den folgenden Tagen meldeten sich noch weitere, „dubiose“ Gestalten zu Wort, wobei es diesen womöglich mehr darum ging, der Welt zu zeigen, wer von ihnen dem Verstorbenen am Nahesten stand und wer von ihnen Michael besser kannte. Allen voran das traurigste aller Beispiele: Joseph Jackson, der eigene Vater, der den Presserummel schamlos ausnutzte, um für seine eigene Plattenfirma zu werben. Die Medien reagierten auf all die Ereignisse ebenso schnell und änderten allesamt das seit Wochen im Voraus geplante Programm; das Internet brach fast zusammen und viele Nachrichten-Seiten funktionierten nur noch sporadisch; Staatsoberhäupter zollten dem Toten mit Lobpreisungen ihren Tribut; das Geschäft mit Jackson-Fan-Artikeln begann zu florieren und auch die hoffnungslosen, von Trauer erfüllten, Fans wurden erfinderisch: Die einen verfolgten Verschwörungstheorien, nach denen Michael entweder von Rassisten ermordet worden sei oder aber die CIA ihn auf dem Gewissen habe, weitere behaupteten, ihnen sei kurz nach dessen Tod der „King himself“ oder aber sein Geist begegnet, die anderen trauerten, singend und tanzend zu seinen Songs, gemeinsam auf den Strassen und wieder andere folgten ihrem Idol auf direktem Wege mittels Freitod. Und auch schon gleich einen Tag nach seinem Ableben klingelte es bereits schon wieder kräftig in den Kassen: weltweit setzte der grosse Run auf Michael Jacksons Alben ein; am 01.07.2009 berichtete das Billboard-Magazin, dass sich neun Jackson-Alben in den TopTen der Pop Catalog Charts befinden – allen voran auf den Plätzen 1 bis 3 die Alben „Number Ones“, „The Essential Michael Jackson“ und „Thriller“, von denen seit seinem Tod jeweils über 100.000 Exemplare – in der gesamten Woche sogar insgesamt 415.000 der Jackson-Alben – über den Ladentisch gingen. Wenn sich die Zeit schon nicht zurückdrehen lässt, dann stand sie in diesen Tagen eben still, oder aber es wurde jetzt – zu spät – das nachgeholt, was Michael vielleicht zum „gesunderen“ Weiterleben gebraucht hätte, denn schliesslich waren der Applaus und das Publikum sein Alltag, die Luft, die er zum Existieren benötigte und ohne die er in den letzten Jahren irgendwie auskommen musste.


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Mit seinem Tod setzte etwas Sonderbares ein, eine wahre Michael-Mania, der sich niemand, ob nun Fan oder nicht, so recht entziehen konnte. Sein Tod machte betroffen und nachdenklich. Wahrscheinlich nicht zuletzt deswegen, weil der Künstler und seine Musik das eigene Leben – meist von Kindheit an – begleiteten, weil mit ihm ein Stück eigener Vergangenheit starb und weil sein ganzer Wandel einen gewissen menschlichen, tragischen Beigeschmack vermittelte, der uns zwischen Bewunderung, Anteilnahme und Mitleid bewegt. Es macht klar, dass selbst der hellste Schein des grössten Sterns irgendwann verblasst, und dass selbst der „King of Pop“ zumindest buchstäblich nicht ewig unter uns weilen kann. Vielleicht liegt die Tragik aber auch in der Erkenntnis, dass sich unter der comic-haft anmutenden, mehr geisterhaften als menschlichen, Figur ein ganz normal sterblicher Mensch befand. Um sein Leben wie auch sein Sterben ranken sich zahlreiche Rätsel, von denen die meisten auch eines bleiben werden. Der Mann mit den vielen Gesichtern hatte so einige facettenreiche Persönlichkeiten in sich vereint, die das Gesamtgeschöpf zu einem unvergleichlichen, beispiellosen Unikat heranreifen ließen. Michael Jackson selbst hatte eine weitaus unspektakulärere Ansicht über den gewissen roten Faden, der sich durch das Dasein schlängelt: „Wenn du zur Welt kommst und geliebt wirst, und wenn du geliebt wirst, wenn du sie wieder verlässt, dann ist alles in Ordnung. Mit allem was dir dazwischen passiert, kannst du dann fertig werden.“ War das tatsächlich so einfach? Dass er sowohl zu Lebzeiten buchstäblich vergöttert wurde, und dass sich daran auch weit über seinen Tod hinaus nichts ändern wird, ist eine Tatsache, mit deren Wissen er zweifellos beruhigt und friedlich aus diesem Leben hätte scheiden können. Doch stand der ständig von Selbstzweifeln geplagte Künstler und der über das Normale hinaus schüchterne Mensch wahrhaftig hinter seiner eigenen Aussage? Wurde er mit „allem, was dazwischen passierte“ trotz der Wucht an Liebe, die ihm entgegenstürmte, wirklich fertig? Er selbst bewies doch eher das Gegenteil. Auch wenn dies alles schon bekannte und oft vernommene Fakten sind, so möchten wir trotz allem nochmals von ganz vorne anfangen und zurückgehen an den Ursprung, um so zu erfahren, ob wir vielleicht nicht doch die ein oder andere Ungereimtheit im Leben des „King of Pop“ besser nachvollziehen können: Vor heute genau 51 Jahren, am 29. August 1958, wurde ein Kind in diese Welt entsandt, in die es eigentlich nie so recht gehören sollte.


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Nicht die Welt war es, die es von sich fernhielt, vielmehr war er das Kind, dass es sich schwer machte, dass sich hier einfach nicht zurecht finden sollte, und das alles nur, weil es von Anfang an ein Talent besaß, für das es zwar nichts konnte, um das es aber sogar der eigene Vater aufs Schlimmste beneiden sollte. Michael Joseph Jackson erblickte als siebtes von insgesamt neun Kindern im Hause von Vater Joseph und Mutter Katherine in der Jackson Street in Gary, einem kleinen, ruhigen Industrieort im Großraum von Chicago, nahe am Michigansee, im US-Bundesstaat Indiana das Licht der Welt. Einer seiner Brüder, der 1957 geborene Brandon Jackson, verstarb nur kurze Zeit nach seiner Geburt. Sicherlich liebten die Eltern jedes einzelne ihrer Kinder und sicherlich wünschten sie sich für ihre Sprösslinge nur das Beste im Leben. Doch was konnte schon das Beste für neun Kinder sein, deren Vater als Kranführer in einer Stahlfabrik arbeitete und der – je nach Zeit – ein paar Dollar mehr durch seine Mitarbeit bei der Kartoffelernte mit nach Hause brachte? Welche Zukunft haben schon neun Kinder, die von der Mutter in der Rolle als Hausfrau in einem kleinen Haus, dessen Grösse Michael später einmal wie folgt beschrieb: „Wenn du vom Eingang fünf lange Schritte gemacht hast, warst du hinten schon wieder raus.“, großgezogen wurden? Auch der Tag einer Katherine Jackson bestand nur aus 24 Stunden. Wie viele hiervon blieben ihr wohl neben den alltäglichen Arbeiten im Haushalt, um auf jedes Bedürfnis ihrer Kinder individuell eingehen zu können? Hatte sie – einige Jahre später – vor lauter Aufopferung für das Heim überhaupt Zeit, um ihren eigentlichen Pflichten als Mutter nachzukommen, wie zum Beispiel mit einem wachsamen und offenen Ohr auf das Weinen ihrer Kleinsten, die gerade mal wieder vom zornigen Vater geschlagen wurden, zu reagieren? Und falls sie das bittere Schluchzen vernahm, opferte sie dann ein paar ihrer kostbaren Minuten, um ihren Pflichten als Ehefrau nachzukommen, indem sie zum Beispiel ein ernsthaftes Gespräch mit dem Gatten führte? Vielleicht war es aber auch der eigene – für sich selbst längst aufgegebene – Traum, der den Vater immer ehrgeiziger und die Mutter immer resignierter werden liess. Noch als kinderloses, junges Ehepaar, als sich die schwarze Musik in den USA mit Sängern wie Chuck Berry oder Little Richard mitten im Aufbruch befand, träumten Joseph und Katherine von ihrer eigenen Karriere als Musiker. Sie konnte der Weg sein, um es aus der Armut heraus bis ganz nach oben zu schaffen. Völlig abwegig war ihr Traum damals nicht, denn immerhin betätigte sich Joseph in seiner selbst gegründeten Band „The Falcons“ als mittelmäßiger Freizeitgitarrist, von dem es allerdings heißt, dass er keinen Takt halten konnte, und Katherine sang für ihr Leben gerne Countrylieder und spielte Klavier sowie Klarinette. Über seine Mutter berichtete Michael später einmal, dass sie die eigentliche Musiklehrerin gewesen sein soll.


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Sie besaß neben der Wärme und Liebe zu ihren Kindern das richtige Gefühl für den Rhythmus und half Michael dabei, seine Singstimme zu steuern. Des Vaters „Falcons“ verschwanden sang-, klang- und talentlos im Nichts und die Mutter, die als Kind an Kinderlähmung erkrankte und daher humpelte, fand durch die biblischen Lehren der „Zeugen Jehovas“ einen sinnvolleren Lebensinhalt. Nicht zuletzt starb dann auch mit der Geburt jedes einzelnen Kindes irgendwann endgültig der Traum von der eigenen grossen Karriere. Doch ein Mann wie Joseph, für den es im Leben nur Gewinner oder Verlierer gibt, begräbt seinen Traum niemals so ganz – schliesslich wollte er doch ein Gewinner sein. Es sollte schon die richtige Gelegenheit kommen, den Plan doch noch verwirklichen zu können – und sie kam ja bekanntlich auch – nur war es eben nicht seine Karriere, sondern die seiner Söhne. Und zumindest ansatzweise begann diese, als sich Vater Joseph eines Tages mit seiner Gitarre, an der eine Saite gerissen war, wütend vor seinem Sohn Tito – dem vermeintlichen „Übeltäter“ – aufbaute und diesen herausfordernd anschrie, ihm zu zeigen, ob er wirklich in der Lage wäre, das, was er da kaputt gemacht hatte, überhaupt zu bedienen. Tito nahm die Herausforderung an und begann mit dem Spielen eines Liedes. Zwei seiner Brüder unterstützten ihn tatkräftig, indem sie dazu tanzten und sangen. Dieser Anblick bedeutete für Joseph das Ende seines Traumes und der Beginn von dessen Verwirklichung. Den Kindern blieben danach genau 24 Stunden unbeschwerte Kindheit, denn am darauf folgenden Abend kam der Vater zwar noch ohne genaue Vorstellungen, dafür aber mit einer neuen Gitarre nach Hause. Diese wurde dem 7-jährigen Tito in die Hand gedrückt und der 9-jährige Jackie sowie der 6-jährige Jermaine sollten zu ihrem Klang irgendwie agieren. Mit drei Jahren war Michael zwar noch zu klein zum Mitmachen, dennoch zeigte er bereits all seine zur Verfügung stehenden Talente. Diese lagen nicht nur in der Art seines Tanzes – eine Tante der Familie berichtete, dass Michael schon im Alter von anderthalb Jahren zum Takt der Waschmaschine mittanzte -, sondern auch in seiner wachen Beobachtungsgabe sowie dem perfekten Imitieren anderer Leute. Eines Abends wurde er von seiner Mutter dabei gesehen, wie er jede einzelne Bewegung seines Bruders Jermaine nachahmte und als Katherine ihn daraufhin aufforderte, seinen Gesang vorzuführen, verkündete sie ihrem Gatten daraufhin freudestrahlend: „Wir haben einen neuen Leadsänger!“ Während Katherine wohl zu diesem Zeitpunkt noch vom Zelebrieren leicht beschwingter Hausmusik ausging, sah das Oberhaupt der Familie im Geiste bereits die grossen Scheinwerfer über den Köpfen seiner Sprösslinge leuchten. Um tatsächlich in das Spotlight zu gelangen, verlangte Joseph von nun an von seinen Söhnen hartes, ernsthaftes Training und die absolute Selbstaufopferung, die sich wie folgt darstellte: Aufstehen noch vor Sonnenaufgang, drei Stunden Proben, dann mal eben ab in die Schule und gleich danach im Anschluss wieder drei Stunden Proben. Das bisschen Spielen im herkömmlichen Sinne endete spätestens dann, wenn der Vater nach der Arbeit auf dem Heimweg um die Ecke gebogen kam, denn dann wurde alles stehen und liegen gelassen, um „parat“ zu stehen, da anderenfalls die personifizierte Züchtigung im Anmarsch war.


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Als Sohn eines religiösen Patriarchen kannte Joseph das Spiel mit Gleichaltrigen nicht, schon gar nicht auf der Strasse. Da ihm dieser Verzicht auf dem Weg zum gestandenen Mann immerhin nicht geschadet hatte, hielt Joseph dieses Vorgehen mit seinen Söhnen ebenso. Warum auch draußen mit anderen Kindern spielen, wenn man doch drinnen gedrillt wird und unter Schlägen beigebracht bekommt, wie man nach stundenlangen Proben zum Vortragen ein und desselben Liedes immer noch verzückt lächelt. Man muss diesen Mann mit seinem Ohrring und – nennen wir es – „Bärtchen“ nur einmal unvoreingenommen ansehen, dann weiß man schon von ganz alleine, dass er seine Kinder mit der Hand und nicht mit dem Herz aufwachsen liess. In einem Interview mit der BBC im Jahre 2003 räumte er in Bezug auf die Frage, ob er seinen Sohn Michael geschlagen habe unschuldig ein: „Geschlagen? Nein! Man schlägt jemanden mit einem Stock!“ Er dagegen habe ausgepeitscht, da er ja schliesslich keinen Stock, sondern einen Gürtel benutzte. Als beratender Familientherapeut versuchte er sich bei anderer Gelegenheit im Jahr 2001 dann auch noch: „Es gäbe heute nicht diese Kriminalitätsrate, wenn Eltern ihre Kinder ein bisschen schlagen würden und darauf achteten, dass sie immer auf dem rechten Weg bleiben.“ Doch nicht nur die Kinder wurden misshandelt – auch seine Ehefrau wurde übergangen, denn um sich selbst durch die harte Arbeit der Kinder irgendwann einen grossen Namen machen zu können, investierte Joseph jeden Cent in seine musikalische Vision, während sich Katherine bemühte, die Familie mit billigem Gemüse und geschmorten Innereien vom Schwein (ein traditionelles Gericht der afro-amerikanischen Kochkultur, genannt „Chitterlings“) satt zu bekommen. Sie wehrte sich gegen die unausgeglichene Geldverschwendung ihres Mannes – mit welchem Erfolg zeigt die Geschichte. So wurden also weiterhin die jeweils mit diversen Beilagen servierten Innereien verspeist und das Geld ging für „wichtigere“ Anschaffungen, wie zum Beispiel Instrumente und entsprechendes Zubehör, drauf. Da konnte es auch mal zu Käufen kommen, die zunächst völlig überflüssig waren, sich später jedoch als fruchtbare“ Investition herausstellten. So unter anderem die Mikrofone, die Joseph seinen Söhnen schon zu dem Zeitpunkt vor die Gesichter stellte, als es noch gar nicht abzusehen war, ob sie für diese überhaupt jemals Verwendung haben würden. Bei den später folgenden Teilnahmen an Talentwettbewerben sollte es sich zeigen, dass genau diese Mikrofone einen entscheidenden Teil dazu beigetragen hatten, dass die Jackson-Jungs am Ende als Gewinner aus dem Wettbewerb hervorgingen. Während ihre Konkurrenten so etwas nämlich noch nie in der Hand hielten, wussten die Jungs bereits, wie man sie bedient und elegant durch die Luft wirbelt. Das sah professionell aus; das machte Eindruck. An den Wochenenden unternahm der Familienvater diverse musikalische Entdeckungsreisen in die Clubs und Bars rund um den Heimatort und sonntags konnte er es kaum erwarten, dass Michael mit seiner Mutter vom Besuch des Gottesdienstes heimkam, um ihm von all seinen gesammelten Erlebnissen zu berichten. „Von der Kirche direkt ins Showbusiness, das war mein Sonntag.“, schilderte Michael einst seine Erinnerungen an die Wochenenden seiner Kindheitstage.


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Ferner investierte Joseph das knappe Geld in verschiedene Fahrten zu unzähligen Auftritten und Wettbewerben, von denen er sich nicht zuletzt erhoffte, dass er und „The Jackson Brothers“, wie die Band damals noch origineller Weise hieß, von einflussreichen Leuten des Musikgeschäfts entdeckt würden. Der Druck, der auf den Kindern lastete, muss enorm gewesen sein, denn für den Fall, dass sie den jeweiligen Ort nicht als Sieger verließen, hagelte es – statt Aufmunterung und Zuspruch – Schläge vom wütenden Vater, der auf Grund der Niederlage sein Geld umsonst in die Fahrt mit dem klapprigen VW-Bus gesteckt hatte. Zum Glück kam das nicht oft vor, denn mit dem kleinen Michael hatte Vater Joseph so etwas wie ein Ass im Ärmel, sodass die „Kids-Group“ einen Sieg nach dem anderen verbuchen konnte. Ausserdem legten sich die Kinder, die um die grosse Erwartungshaltung des Vaters nur zu gut unterrichtet waren, derartig intensiv ins Zeug, dass sie nach jedem dieser Auftritte mit lediglich zwei Showeinlagen so ausgebrannt waren, wie in späteren Jahren nach einer 90-minütigen Show. Auf der Bühne strahlten, tanzten und sangen sie buchstäblich um ihr Leben, denn hinter den Kulissen wurde schnell klar, dass sie auf Geheiß des Vaters agierten, damit dieser sie nicht schlug, denn wenn sie sich auf der Bühne sehr gut präsentierten, so hieß dies im weiteren Verlauf, dass sie in den nächsten zwei oder drei Tagen erstmals vor den väterlichen Prügelattacken sicher waren. Im Alter von 4 Jahren begann Michael mit seinen Brüdern zu singen und er besaß von ihnen auch den grössten Enthusiasmus. Der Kleine war im Gegensatz zu seinen Brüdern schon in allem der Größte: er hatte die beste Stimme, beherrschte perfekt seine Tanzschritte und vermochte es ausserdem, mit einer unglaublichen Leichtigkeit seines Körpers die Musik sichtbar erscheinen zu lassen. Seine phänomenale Fähigkeit, Gesten, Tanzschritte und gesangliche Tricks anderer im Nu nachahmen zu können, rückte ihn schnell in den Mittelpunkt der Truppe. „Wenn es mir gelang, Jermaine nachzumachen, erntete ich ermunterndes Gelächter, wenn ich zu singen anfing, dann hörte man mir zu.“, so Michaels Erinnerungen an seine ersten Schritte als Entertainer. Mit seiner ehrgeizigen Erfolgssucht richtete Vater Joseph sein Augenmerk schon bald hauptsächlich auf den wahren Gewinner-Typ unter seinen Jungs. Er war der Schlüssel zu dem, was sich der Vater eigentlich für sich selbst erträumt hatte, was er aber auf Grund seines mangelnden Talentes niemals erreichen konnte. Michael, der um seine musikalische Überlegenheit wusste, erfuhr schon bald, dass ihm diese Erkenntnis mehr schadete als nützte, denn sie machte ihn stark und mutig, sodass er von allen der Einzige war, der es sich wagte, dem Vater symbolisch „auf Augenhöhe“ entgegenzutreten.


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So warf der Junge zum Beispiel einmal mit einem Schuh nach seinem Vater, der diesen jedoch verfehlte. Nach einer ordentlichen Tracht Prügel wurde der „Rebell“ anschliessend in den Kleiderschrank gesperrt. Noch heute heißt es, dass Michael Jackson den Spleen hatte, sich vor dem Betreten eines Raumes zunächst links und rechts umzusehen um sich zu vergewissern, dass dort niemand stand – denn das war wohl die vom Vater bevorzugte Stelle, an der er lungerte, um bei seinem Sohn direkt mit den Züchtigungen loslegen zu können. Der Kampf, den die beiden noch viele Jahre führten, war stets ein ungleicher. Mit 9 Jahren war Michael bereits ein „alter Hase“ im Musikerleben und der Star der mittlerweile in „The Jackson Five“ umbenannten Band. Mit seinem Können setzte er für seine Brüder die Messlatte zu hoch an. Auch sie standen unter immensem Druck, denn ständig wurde ihnen der kleine Bruder als Paradebeispiel wie ein Spiegel vorgehalten. Wenn zum Beispiel einer von ihnen während der harten Proben unkonzentriert war und patzte, oder den Ton nicht so ganz traf, donnerte Vater und Manager Joseph drauf los: „Schau dir Michael an. Mach es wie Michael.“ Das Repertoire der Band bestand anfangs noch aus Rhythm & Blues- sowie Soul-Hits mit zumeist anzüglichem, weltlich-fleischlichem Inhalt. Diese hätten, von einem Knirps mit kindlicher Stimme vorgetragen, schnell unglaubwürdig und ulkig wirken können. Hier jedoch kam Michael, der den Inhalt der von ihm gesungenen Lieder noch gar nicht verstand, sein perfektes Imitationstalent entgegen. Es gelang ihm, die Songs trotz seiner Babystimme so glaubwürdig rüberzubringen, dass es kaum mehr auffiel, dass hier ein Kind über Themen aus der Welt der Erwachsenen singt. Noch bevor Michael in die fragwürdigen Abgründe und Machenschaften im Showbusiness eingeführt wurde, galten „The Jackson Five“ bereits in regionalen Musikerkreisen als die „Band mit dem Liliputaner“. Andere Gruppen verbreiteten schnell das Gerücht, dass es sich bei dem Sänger der „Jackson 5“ eigentlich um einen 42-jährigen Zwerg handele. Als Michael dies zu Ohren kam, traf das den äußerst sensiblen Knaben derart tief, dass er in Tränen ausbrach. Was daraufhin folgte, ist eine der wenigen Erinnerungen, aus welcher der Vater seinem Sohn gegenüber als mitfühlender Beschützer hervorgeht: Joseph fiel vor Michael auf die Knie, um mit diesem auf Augenhöhe sprechen zu können, und erklärte ihm, dass dieses Gerücht eigentlich ein großes, indirektes Kompliment darstelle, da es lediglich den Unglauben der Leute daran offenbart, dass ein 9-jähriger Junge schon so perfekt tanzen und singen könne, wie Michael dies tat. Mit den Gerüchten hielt es Michael, wie er in einem Interview mit dem Magazin Ebony im Jahr 2007 aussagte, folgendermaßen: „Darauf achte ich nicht. Meiner Meinung nach ist das Unwissenheit. Für gewöhnlich basiert das nicht auf Tatsachen. In jeder Nachbarschaft gibt es jemanden, den man nicht sieht, also klatscht man über ihn. All diese Geschichten, er hätte dieses oder jenes getan. Die Leute sind verrückt.“


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Das auf der Bühne verkaufte Image der singenden „Happy Family“ war auch nicht zuletzt deswegen eine servierte Lüge, da ihr Weg zum Ruhm – im Gegensatz zu vielen anderen Funk- und Soulbands – nicht brav und bieder über die Kirche führte, sondern – ganz im Gegenteil – über diverse Nachtclubs, zu denen Kinder – schon gar nicht mitten in der Nacht – keinen Zugang haben sollten. Ihr erstes Engagement hatten „The Jackson 5“ bei „Mr. Lucky´s“, einem Nachtclub in Gary, für acht Dollar pro Abend plus den vom Publikum auf die Bühne geworfenen Münzen und Banknoten. Die Band soll dort schon ziemlich schnell so sehr populär gewesen sein, dass sie sechs Mal pro Woche jeden Abend fünf Sets spielten. Mit dem Verdienten machte sich der kleine Sänger, der für sein Leben gerne Zeichentrickfilme ansah und der dazu selber noch passabel zeichnen konnte, anschliessend kindgerecht auf die Socken und kaufte sich Süssigkeiten und Bonbons. Mit diesen nächtlichen Shows absolvierte der Knabe bereits seine Berufslehre, bevor er wenig später in den Alltag eines Vollprofis unter den Spitzenverdienern einsteigen sollte. Joseph arbeitete nur noch unregelmässig im Stahlwerk und verbrachte die meiste Zeit in seiner Funktion als Manager am Telefon. In dieser Zeit, „als es nur uns und unser Talent gab“, war die Familie Jackson wohl am glücklichsten, denn ihr Zusammenhalt schien unzerstörbar. Im August 1967 traten „The Jackson 5“ beim prestigereichsten Talentwettbewerb namens „Superdogs Contest“ in dem Club auf, von dem es hieß, dass man von ihm nie so zurückkehrt, wie man hingekommen ist: dem legendären Apollo-Theater in Harlem, New York. Hier waren zudem auch die schwarzen Künstler und das schwarze Publikum willkommen, was seinerzeit in den USA leider alles andere als selbstverständlich war. Die Kapazität des Lokals fasste bis zu zweitausend Zuschauer und die Besucher des Apollo-Theater galten als notorisch für ihre kurze Lunte, was soviel bedeutet, dass ein „Act“, der nicht zündete, schon nach wenigen Augenblicken mitleidslos ausgebuht und von der Bühne gejagt wurde. Das war bei den „Jackson 5“ nicht der Fall, denn sie verließen das Theater mit einer Siegertrophäe. Dieser Auftritt war ein wichtiger Schritt in ihrer Karriere, denn von da an absolvierten sie ihre Einlagen im Vorprogramm zahlreicher namhafter Stars. Joseph nutzte die Aufenthalte auf seine „erwachsene“ Art – er ging fremd, schlief wahllos mit Groupies anderer Bands und fühlte sich unschlagbar mächtig. Auch Michaels Brüder, einige bereits im Teenageralter, amüsierten sich aufgeregt und altersgerecht hinter den Kulissen, wohingegen er völlig darin aufging, jede freie Minute hinter der Bühne zu verbringen und die anderen Stars bei der Arbeit zu beobachten. Machte eine Pose oder ein Tanz Eindruck auf ihn, dann liess er nicht nach, bis auch er selber diesen Schritt oder diese Haltung perfekt beherrschte. James Brown, „The Godfather of Soul“, war eines von Michaels grössten Vorbildern. Von ihm lernte er eines Abends höchstpersönlich, wie man ein Mikrofon loslassen und wieder auffangen konnte, bevor es auf den Boden krachte. Michael selbst gab einst zu: „Nachdem ich von den Kulissen aus James Brown zugesehen hatte, kannte ich jeden Schritt, jede Bewegung, jeden Laut und jede Drehung.“ Und nicht nur in Bezug auf das perfekte Auftreten übernahm sein Idol Brown die Rolle als Vorbild, denn mit seinen 9 Jahren wusste Michael selbst um die Tatsache, dass er den wahren Sinn der Texte, die er sang, nicht verstand, was seine spätere Karriere nachhaltig beeinflusste. Um die Lieder verständlich zu interpretieren, konnte er sich nicht an die aus seiner Sicht rätselhaften Worte halten, weshalb er sich dafür umso stärker an die Ausdrucksmöglichkeiten von Tanz und Bühnenpräsentation klammerte.


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Er beobachtete, dass Browns messerscharfe Tanzeinlagen nicht minder atemberaubend und flexibel als dessen Gesang waren. In seiner Biografie „Black or White“ erklärte Michael: „Bis dahin hatte es sehr wohl Sänger gegeben, die auch tanzen konnten, und Tänzer, die auch sangen. Aber wenn man nicht Fred Astaire oder Gene Kelly war, konnte man das eine besser als das andere, besonders bei einem Live-Auftritt. Mit James Brown änderte sich das. Wenn er über die Bühne schlitterte, kam ihm kein Spotlight nach. Die ganze Bühne musste mit Scheinwerferlicht getränkt werden, damit man nichts verpasste. So gut wollte auch ich sein.“ Aus der Not der unverständlichen Worte wurde sein Motto: Es zählte nicht der eigentliche Inhalt der zu singenden Worte, sondern eher die Wirkung dieser Worte, in der Funktion als klangliches Tanzelement im Rahmen der Gesamtshow. Als „The Jackson 5“ knapp ein Jahr später, im Mai 1968, ein weiteres Mal im Apollo-Theater – dieses Mal gegen Bezahlung – auftraten, trat Etta James als Hauptattraktion auf. Sie war von dem „Dreikäsehoch“, der hinter der Bühne lungerte und sie während ihres Auftritts mit grossen Augen beobachtete, schnell genervt, sodass sie ihn von dort verscheuchen musste. Nach dem Auftritt klopfte Michael an ihre Garderobentür, um sich bei ihr für sein Verhalten zu entschuldigen. Der Charme und das abgeklärte Selbstbewusstsein des Kindes hatten es der Sängerin daraufhin derart angetan, dass sie ihn für eine Privatlektion in Sachen Bühnenkunst direkt zu sich in die Garderobe bat. Zwei Monate später, im Juli 1968, fanden sich Joseph und seine Söhne in Detroit im Gebäude der Motown-Records, mit dem bis heute erhaltenen Firmenmotto „Hitsville“, wieder, da sich Motown-Erfinder Berry Gordy die Jungs kurze Zeit zuvor im Studio angehört hatte und ihnen nun einen Vertrag anbot. Gordy war von dem in den „Jackson 5“ schlummernden Star-Potenzial überzeugt und es war sein Ziel, diese mit in seine Riege der Stars, wie z.B. Supremes, Temptations, Marvin Gaye oder Stevie Wonder, aufzunehmen. Die Brüder waren auf dem direkten Weg, Stars zu werden. Um diesem Status gerecht werden zu können, bekam jeder von ihnen eine maßgeschneiderte Biografie, die natürlich zum gewitzten Marketing passen musste. Zur besseren Vermarktung sollte zum Beispiel der grosse Motown-Star Diana Ross die Jungs entdeckt haben und aus dem mittlerweile 10-jährigen wurde kurzerhand der 8-jährige Michael. Lügen, mit denen der gierige Vater leben konnte und so unterschrieb er den Vertrag in dem Bewusstsein, endlich eine grosse Hürde auf dem Weg zum Weltruhm genommen zu haben. Ein paar Wochen darauf fand die erste Begegnung mit der von Michael fortan verehrten Diana Ross statt, die in einen Club von Los Angeles eingeladen hatte, um ihren 200 geladenen Gästen „ihre Entdeckung“ sowie den „8-jährigen Michael“ vorzustellen. Michael, der auf den Fehler bezüglich seines Alters hinwies, bekam von Gordy lächelnd erklärt, dass so alles in Ordnung und besser sei, worauf der kleine Profi nach ein paar Minuten Bedenkzeit sagte: „Ich hab´s kapiert, ich bin acht und die grosse Diana Ross hat uns entdeckt.“


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Eine weitere Regel des Business, die Michael schon früh verinnerlichte, nämlich „dass angebliche Tatsachen über mich Lügen sind. Aber wenn jemand etwas Falsches über mich sagt und mein Image meint, ist das okay. Dann ist das keine Lüge, sondern Public Relations.“ Jahre später, im Dezember 1999, äußerte sich Jackson in einem Interview mit dem Magazin TV Guide bezüglich seines Images wie folgt: „Die Presse hat mich als Monster abgestempelt, als einen Irren, der seltsam und verrückt ist.“ In „The Magic and the Madness“ von Randy Taraborrelli wird Jackson diesbezüglich wie folgt zitiert: „Sag den Leuten einfach, ich sei ein Alien vom Mars. Ich verspeise Hühner bei lebendigem Leib, und um Mitternacht mache ich Voodoo-Tänze.“ Eine weitere, weitaus schlimmere Lüge war es jedoch, die bei dem Heranwachsenden tiefe Spuren bis in seinen Tod hinterlassen sollte, und die maßgeblich zu einer schiefen und verstörten sexuellen Entwicklung des Michael Jackson führen sollte. Ganz in den Händen der Plattenfirma gehörte es zu deren Plan, „The Jackson 5“ nicht als Kinderband, sondern vielmehr als Teil einer schwarzen, sexistischen Show zu verkaufen. Auf der Bühne sah das dann so aus: Bässe, die den Song vorantreiben und ein Zehnjähriger, der mit hoher Stimme „Shake your money maker“ – anders ausgedrückt „lass die Hüften kreisen und zeige, wofür ich Geld ausgeben würde“ – singt und dann mit tiefer Stimme nachsetzt „Knie dich hin, Mädchen, ich glaube ich liebe dich. Nein, steh auf! Und zeig mir, was du kannst.“ Bei einem früheren Song mit dem Titel „Skinny Legs“ singt das Kind von einer Frau, die wegen ihrer dünnen Beine keinen Liebhaber findet, wozu es unter die Tische krabbelte und den Frauen den Rock hochhob. Spät in der Nacht, in der „heissen“ Atmosphäre der Clubs, spionierten Michaels Brüder bereits durch die Gucklöcher in die Umkleidekabinen der Frauen oder legten reihenweise Groupies flach, was der kleine, teilweise im gleichen Zimmer liegende, Bruder hautnah miterlebte und sich dazu auch noch schlafend stellen musste. Michael selbst erinnert sich in seiner Autobiographie „Moonwalk“ an ein Erlebnis der „besonderen“ Art: „Ich hatte schon einige Stripper gesehen, aber an dem Abend kam eine Frau mit herrlichen Wimpern und langem Haar auf die Bühne und machte ihre Show. Das war echt fantastisch. Als es fast vorbei war, nahm sie plötzlich ihre Perücke ab, holte zwei grosse Orangen aus ihrem BH und zeigte uns, dass sich unter der ganzen Schminke ein kantiger Kerl verbarg. Ich war ja nur ein Kind und konnte so was überhaupt nicht kapieren. Aber dann sah ich ins Publikum, und die gingen alle richtig mit und klatschten und jubelten wie wild. Da stehe ich also als kleiner Junge am Bühnenrand und sehe diesen irren Kram.“


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Mit 13 Jahren trat Michael im Fernsehen in einer Diana-Ross-Show auf, in der er als Ghettostricher um Diana Ross schleicht und diese dann schliesslich stehen lässt. Ein tanzendes, singendes Sexspielzeug, das vom Sex im eigentlichen Sinne überhaupt keine Ahnung hatte und wozu er auch selbst als Erwachsener keinen normalen Zugang zu finden schien. In Bezug auf Frauen offenbarte der Sänger im Jahr 1988: „Manchmal fällt es mir schwer, den Mädchen, mit denen ich mich verabrede, in die Augen zu sehen, selbst, wenn ich sie gut kenne. Meine Beziehungen zu Mädchen sind nie so glücklich verlaufen, wie ich es mir gewünscht habe. Irgendetwas scheint immer im Weg zu stehen.“ Wen wundert das! Mit diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass all die Zuneigung und der Erfindungsreichtum der weiblichen Fans, die ihrem Idol mehr als nur nahe sein wollten, den Star selbst in pure Angstzustände versetzten. So ist es auch im Falle des Michael Jackson nicht verwunderlich, dass er selbst viele Jahre später der einzige Star ist, der sich bemühte, seine Vaterschaft nicht abzustreiten, sondern vielmehr zu beweisen. 1970 landeten sie gemeinsam mit ihrer Plattenfirma vier Nummer-Eins-Hits: „I want you back“, „ABC“, „I´ll be there“ und „The love you save“. Mit ihrem Erscheinen repräsentierten sie den Traum von Motown-Boss Gordy: das Gesicht des makellosen, vom weißen Mainstream akzeptierten Afroamerikaner. Ausserdem bedeutete die völlige Integration weiße Marktanteile – und die hatten sie, denn es gab kaum einen amerikanischen Haushalt, ob schwarz oder weiß, in dem der stupsnasige kleine Sänger für seine Tanzbewegungen, seinen energischen Gesangsstil und sein hübsches schwarzes Gesicht keine Komplimente bekam. Es ging erstmals auf Welttournee, dazu noch in sämtliche Fernsehsendungen und Michael, der Star der Truppe, funktionierte perfekt, was die immer weiter anwachsende Zahl von Fans jeder Hautfarbe mit Euphorie und Hysterie bestätigte. Die Maschine lief perfekt und sollte, nach Meinung des gierigen Vaters, noch perfekter laufen, was 1971 mit dem Entschluss zur Produktion von Michaels erster Soloplatte realisiert werden sollte. So erschien im Oktober 1971 das Soloalbum „Got to be there“, das sich insgesamt 1,5 Millionen Mal verkaufte, bis heute zu den besten Stücken des Motown-Repertoires zählt und Michael selbst endgültig zum absoluten Star unter Jackson-Fans katapultierte. Fortan fuhr Michael zweigleisig: zum einen als Solokünstler mit, bis zum Jahr 1975, vier gut verkauften Solo-Alben und zum anderen als Sänger von „The Jackson 5“ mit einer Audienz in Glasgow bei der Queen – doch eines blieb: das wachsame Auge und die strenge Hand des Vaters. Musik, Bühne, Interviews, Studio und Fans waren nicht die Inhalte im Leben – sie waren das Leben. In der Öffentlichkeit konnte er sich ohne Schutz nicht frei bewegen, Sport konnte er auf Grund des Risikos einer Verletzung nicht treiben, Ablenkung oder eine Auszeit holte er sich in Form von Zeichentrickfilmen oder Büchern, die Kissenschlachten mit den Brüdern in stets wechselnden Hotelzimmern mussten die Unternehmungen mit gleichaltrigen Freunden ersetzen, schulische Bildung wurde zwischen den Auftritten oder in einer Privatschule vermittelt – die Karriere spielte die ganze Hauptrolle in dem ansonsten völlig weltfremden Leben. Joseph predigte es gibt nur Gewinner und Verlierer – Michael musste ein Gewinner sein, denn wie viele Erfahrungsschätze abseits der Bühne hatte er bisher schon sammeln können, um in einem „normalen“ Leben zu bestehen? „Es gab Zeiten, da hatte ich viel Spass mit meinen Brüdern, Kissenschlachten und solche Sachen, aber meistens war ich so einsam, dass ich geweint habe.“, so seine spätere Bilanz mit einer abschließenden schrecklichen Selbsteinschätzung: „Man kann ruhig sagen, dass es wehtut, ich zu sein.“


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Als der mittlerweile 20-Jährige im Jahr 1978 sein Ziel verfolgte, ein fünftes Solo-Album, das sich vor allem vom Klang seiner bisherigen Musik abheben sollte, herauszubringen, traf er bei den Dreharbeiten zu „The Wiz – Das zauberhafte Land“ (Michael übernahm in dem Stück mit Diana Ross die Rolle der Vogelscheuche) einen Mann, zu dem er später das innige „Vater-Sohn-Verhältnis“ pflegte, von dem er in Bezug auf seinen eigenen Vater vergeblich träumte. Der ehemalige Musiker Quincy Jones zählte zu jener Zeit zu den mächtigen und erfolgreichen Produzenten – dies nicht zuletzt auf Grund seines zu den Motown-Machern entgegen gesetzten musikalischen Weltbildes. Für den Mann, der schon Ella Fitzgerald und Frank Sinatra produzierte, galt die neue schwarze Musik als Massenunterhaltung auf hohem Niveau. Jones war von dem disziplinierten Michael, der „die Essenz von all dem hat, was ein grosser Künstler braucht“, so sehr angetan, dass er diesem anbot, sein fünftes Album zu produzieren. So saßen die beiden also tagelang konzentriert im Studio beisammen, um eine Auswahl der Songs zu treffen, die auf dem Endprodukt mit dem Titel „Off the wall“ zu hören sein sollten. Drei der sich darauf befindlichen Stücke waren Michaels eigene Kompositionen, darunter auch „Don´t stop till you get enough“ – ein Song, der im Juli 1979 als Single erschien und bereits nach weniger als drei Monaten den ersten Platz in den Charts einnahm. Als das Album dann im August herauskam, mussten sich die Fans rein optisch vom kindlich-niedlichen Sänger verabschieden. Auf dem Cover präsentierte sich nämlich nun ein junger Mann, völlig verändert, in einem Smoking. Bis auf die weißen, glitzernden Socken, die Michael selbst zum Shooting mitbrachte, entsprang das komplett neue Outfit der Idee seiner Plattenfirma, die damit die Absicht hatte, Michael endgültig vom Image des Kinderstars zu befreien. Mit diesem Album bewies der junge Star, dass sich all die Schindereien der vergangenen Jahre trotz des ganzen Verzichts auch gelohnt hatten. Ihm war der Durchbruch gelungen und er gelang einen Schritt weiter zu dem, was er letztendlich werden sollte: der „King of Pop“! Zunächst jedoch – vor seiner Krönung – war er das Supertalent Michael Jackson, das einen Grossteil seiner Songs selbst schrieb und koproduzierte. Die Stimme des nun Erwachsenen legte sämtliche Unbefangenheit aus Kindheitstagen für immer ab. Er feierte, liebte, litt und durchschritt das komplette Gefühlsspektrum eines Heranwachsenden – aber eben leider nur in den Songs. „Off the wall“ verkaufte sich mehrere Millionen Mal und hatte fünf Hitauskopplungen. Diese Tatsache wird Michael sicherlich erfreut haben, trotz allem war der stets nach Perfektion Strebende am Boden zerstört, da sein Album in den USA nicht auf dem ersten Platz landete. Zwar hatte er sich nun den Boden für seine eigene Karriere als Solokünstler geebnet, dennoch konnte sich der schon zu diesem Zeitpunkt in Superlativen Denkende mit dieser – aus seiner Sicht – Niederlage nicht abfinden. Es gibt nur Gewinner und Verlierer – das hatte er vom Vater immer und immer wieder gepredigt bekommen und er wollte einfach der Größte, der Beste, der Erste sein. In Michaels Innerem vollzog sich bereits ein Kampf, in welchem er darum stritt, sich von den Ketten des stets über ihn wachenden Vaters zu lösen. Diesen Kampf konnte er nur gewinnen, wenn er der größte, beste und erste Gewinner war. Hierfür gab er alles, probte zu Hause immer und immer wieder, um es dann im Studio perfekt einspielen zu können.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Vater Joseph schien zu ahnen, dass in seinem Sohn ein Vulkan brodelte, dessen Explosion kurz bevorstand und aus dem das 20 Jahre lang trainierte und mit grossem Leid hinein gequälte Können endlich ausbrechen wollte. Joseph sprach davon, dass ihm diese Entwicklung seines Sprösslings „Sorgen bereiten“ würde – fraglich nur in welcher Hinsicht: in Bezug auf das Wohlbefinden des Sohnes oder in Bezug auf die Tatsache, dass er bald keinen Einfluss mehr auf den von ihm selbst heran gezüchteten „Goldesel“ haben würde. Während Joseph sich immer noch vormachen wollte, dass der Wunsch nach Unabhängigkeit in seiner heilen, glücklichen und von Liebe erfüllten Familie niemals aufkommen könnte, nahm sich ausgerechnet das „wertvollste“ Familienmitglied, durch dessen Talent die Familie sich überhaupt ernähren konnte, zum ersten Mal einen eigenen Anwalt, der fortan seine Künstlerrechte vertreten sollte. Über das Verhältnis zu seinem Vater sprach Michael Jahre später diverse Male: „Mein Vater hat mich verhöhnt, mich wegen meiner Pickel gehänselt. Er hat mich geschlagen. Einfach so, wenn er mich gesehen hat. Vielleicht war ich für ihn eine Art Sündenbock. Ich weiß es nicht. Er war sehr streng, sehr hart zu mir. Ein Blick von ihm, und man hatte Angst. Es hat Zeiten gegeben, wo mir richtig schlecht wurde, wenn er zu mir kam. Ich habe mich regelrecht übergeben. Er hat mich das nie sagen hören: Bitte, Vater, sei mir nicht böse … (…) Was ich wirklich wollte, war ein Vater, der mir seine Liebe zeigt. Mein Vater hat das nie getan. (…) Ich kenne ihn noch immer nicht, und das ist traurig für einen Sohn, der seinen Vater immer verstehen wollte. Er ist für mich immer noch ein rätselhafter Mensch, und vielleicht wird er es immer bleiben. (…) Aber ich liebe ihn und ich vergebe ihm.“ Mit dem Erfolg seines Albums konnte der Solo-Künstler seiner Ansicht nach wohl lediglich einen „Blumentopf“ gewinnen, nicht aber seine so sehr herbeigesehnte Unabhängigkeit. So setzte er alles daran, mit einem neuen, seinem bereits sechsten Album in die Schlacht seines Lebens zu ziehen, aus der nur er als Gewinner hervorgehen und sein Vater indirekt als Verlierer abgestempelt werden sollte. Es musste einfach gigantisch sein und für diesen Traum kämpfte Michael an allen Fronten – sowohl künstlerisch, als auch körperlich und äußerlich. Zu dem zunächst harmlos wirkenden ersten Feldzug verhalf ihm ein Sturz während seines Tanztrainings zu „Off the wall“, der einerseits so unglücklich war, dass er sich hierbei die Nase brach, andererseits aber auch wie gerufen kam, da er gegen dieses Körperteil eine ganz besondere Abneigung hegte. Nun endlich konnte er seine verhasste Nase, unter der er so sehr litt, wegen der ihn seine Brüder ständig nur „big nose“ nannten und wegen der er beim Anblick des Spiegelbildes stets nur den eigenen Vater vor sich sah, gemäss seinen eigenen Vorstellungen manipulieren; dank einer Operation wurde die „dicke Knolle“ dezenter und schmaler. Als der Moment kam, in dem Michael von den Verbänden befreit wurde, soll er anschliessend immer und immer wieder in den Spiegel geschaut haben. „Er mochte was er sah“, erinnerte sich eine ehemalige Hausangestellte. Und so war es auch: Michael war ein schöner, strahlender, natürlicher junger Mann. Gleichzeitig mit der Freude strömte auch die Erkenntnis in seinen Geist, dass es so einfach sein kann, sich selbst so zu formen, wie es einem selbst gefiel. Es hiess, dass Michael genauso aussehen wollte wie die Frau, die er immer noch so sehr bewunderte: Diana Ross.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Jane Fonda betrachtete den euphorischen Mann und ahnte, welch abwegige Gedanken sich da in ihm zusammenbrauten. „Ich will, dass du damit aufhörst. Versprich es!“, so ihre Aufforderung, auf die er antwortete: „Ich werd´s versuchen.“ Das hat er jedoch nie getan – leider dachte er auch in Bezug auf sein Aussehen in Superlativen – in dieser Beziehung jedoch nicht zu seinem Vorteil, wie es Jahre später immer offensichtlicher werden sollte. So hatte er mit 22 Jahren zwar eine perfekt geformte Nase, kannte zahlreiche Menschen und auf seinem Konto sammelten sich langsam die Millionen, dennoch sucht man in Michaels Leben vergeblich den Begriff „Freund“ – einen Mensch, den man abseits des Geschäftlichen trifft um sich zu amüsieren, die Zeit zu geniessen, Spass zu haben oder auch ernste Gespräche, die sich um alles, nur nicht um die Karriere oder Musik drehen, zu führen. Über den Preis des Ruhmes sagte Michael selbst in diversen Interviews: „Mein ganzes Leben spielt sich auf der Bühne ab. Andere Menschen erlebe ich lediglich, wenn sie mir applaudieren oder hinter mir her rennen. Ich hasse es, das zuzugeben, aber unter gewöhnlichen Leuten fühle ich mich fremd – nur auf der Bühne fühle ich mich sicher. Wenn ich könnte, würde ich auf der Bühne schlafen. (…) Manchmal bin ich so einsam, dass ich nachts in der Nachbarschaft herumspaziere und hoffe, jemanden zum Reden zu finden. Dann gehe ich wieder nach Hause. (…) Direkten menschlichen Kontakt habe ich nie gemocht. Und selbst heute hasse ich es, wenn ich nach einer Show Leute treffen muss. Ich weiß dann nicht, was ich sagen soll. (…) Bei Tieren finde ich das wieder, was ich auch bei Kindern so schön finde. Die Reinheit. Man will nichts von einem, ausser dass man der Freund des anderen ist.“ Was gibt es da noch hinzuzufügen? Jackson, der fürchtete, dass ihn seine pubertäre Akne entstellen könnte, wandelte sich zum Vegetarier und verlor somit die letzten Reste seiner kindlichen Züge, sein Gesicht bekam kantigere Formen und die Haare, aus denen er sich die Afrolocken herausziehen liess, wuchsen erstmals lang. Sein nächstes Album, welches eigentlich gigantisch werden sollte, wurde weitaus mehr als „nur“ das. Dass im Endergebnis etwas Besonderes auf dem Tisch liegen sollte, offenbarte zunächst die Art und Weise, mit der Michael und Quincy Jones im Jahr 1982 mit der Arbeit begannen. Zu den beinahe wie unter dem Mikroskop zusammengemischten Songs kam kein zufälliger Ton oder sinnloser Takt hinzu. Die von Michael selbst mitgebrachten Songs „Beat it“ und „Billie Jean“ wurden von ihm vorab im eigenen Studio so exakt eingespielt, dass der Produzent sie beinahe komplett übernehmen konnte. Während der gesamten Aufnahmezeit war er konzentriert anwesend, sang den Musikern die Rhythmen vor oder demonstrierte ihnen genau, was er wollte und aus über 300 Titeln wählte er diejenigen aus, die auf der Platte erscheinen sollten. So sind dann auf dem Album „Thriller“ auch ausschließlich die Songs zu hören, die Michael aus der in seinem Inneren wohnenden Königs-Klasse hervorzauberte, in denen jede noch so kleine Facette seines Könnens hell strahlend funkelt und mit denen durch das atemberaubende Anschmiegen an den Rhythmus des Herzschlags das pure Leben imitiert wird.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Nebenbei erwähnt sei lediglich die Kritik erlaubt, dass ein solch Rekorde brechender Komet wie das Album „Thriller“, ein weitaus einfallreicheres Cover verdient gehabt hätte. Der sich in einem weißen Anzug mit schmachtendem Blick und locker liegender Position präsentierende Michael lässt doch eher eine gemütlich kuschelige Platte voller Herz-Schmerz-Liebes-Schnulzen vermuten. Es ist ganz sicher davon auszugehen, dass Michael wusste, dass er etwas perfekt Vollkommenes erschaffen hatte, und dennoch ist es unwahrscheinlich, dass er selbst nicht völlig überrascht und fassungslos darüber war, dass er nun wirklich alle nur denkbaren Superlativen sogar in Super-Superlativen verwandelt hatte. Mit „Thriller“ stand der Gewinner fest, er liess die Verlierer hinter sich, sprengte sämtliche Ketten und durchbrach alle ihn haltenden Grenzen: Es ist mit mehr als ca. 109 Millionen Exemplaren das bis heute bestverkaufte Album der Welt, dass es sich satte 37 Wochen hartnäckig auf dem ersten Platz in den Charts bequem machte und wofür Michael im Jahr 1984 bei nur einer einzigen Grammy-Verleihung mit stolzen acht Awards ausgezeichnet wurde. Zu jener Zeit war gerade der Walkman im Kommen, was dazu führte, dass „Billie Jean“ und „Beat it“ nicht nur im Radio rauf und runter liefen, sondern auch direkt auf den Strassen in den Ohren der Leute. Den letzten Schliff zur Vollkommenheit jedoch vollzog Michael mit der Anwendung eines Elements in neu gestalteter, revolutionierter Form: das Musik-Video. Das Video an sich war keine neue Erfindung – vielmehr war es der in den USA auf Sendung gehende Musiksender MTV, der andererseits das grosse Glück hatte, dass es einen Künstler gab, der für sie den zündenden und wichtigsten Rohstoff, das epische Musikvideo, quasi komplett neu erfand. Bisher waren auf MTV kleine Filme zu sehen, in denen die jeweiligen Bands oder Künstler vor einem – im besten Falle – bunten Hintergrund ihre Lieder vortrugen. Grund hierfür waren sicherlich auch die hohen Kosten, die dieses „neue“ Medium im aufwendig produzierten Fall verursacht hätten. Auf seinem Weg nach ganz oben waren diese Sorgen dem Sänger völlig fremd. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, für sein „Thriller“ einen richtigen Kurzfilm – inspiriert durch die Horrorkomödie „American Werewolf“ – zu inszenieren, womit dann die träge Videokultur der Musikszene komplett in die Luft gesprengt wurde. Das von Regisseur John Landis im Jahr 1983 umgesetzte „Filmchen“ hatte eine Länge von 13 Minuten und war mit seinen Kosten von 600.000 Dollar das teuerste seiner damaligen Zeit – es sollte Geschichte schreiben. Nicht zuletzt wegen seiner von Anfang bis Ende durchdachten Handlung und der aufwendig geschminkten und kostümierten Zombiebesetzung, die mit Michael im Takt noch nie da gewesene Tanznummern vorführten, eroberte dieser Clip über den Sender den ganzen Erdball. Noch im gleichen Jahr avancierte die Videokassette „Making Michael Jackson´s Thriller“ zum meistverkauften Musikvideo der Welt. Ja, es war der einstige niedliche Zwerg der „Jackson 5“, dem es gelang, dass MTV zum ersten Mal die Videos eines schwarzen Künstlers ausstrahlte.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Michaels Stimme war von Kindesbeinen an ausdrucksstark und er beherrschte seine eigene außergewöhnliche Kunst – wer ihn hören wollte, kaufte sich seine Alben und wer ihn sehen wollte musste sich – bisher – ein Konzertticket kaufen. Mit den Videos jedoch trat der Sänger vor allem als unglaublich talentierter Tänzer in den Vordergrund – zusammen mit seiner unverwechselbaren Stimme wurde sein Tanzstil in nur einem Clip spektakulär in Szene gesetzt. „Er ist sehr präzise und sehr schnell. Das gehört schon lange zum schwarzen Tanz, schon seit den frühen Stepp- und Strassentänzern. Es ist Teil einer Tradition, zu der Michael Jackson ganz klar Zugang hatte. Wahrscheinlich tanzt niemand sonst derartig akkurat und einfach so grundsätzlich sexy.“, so die Meinung der Choreografin Twyla Tharp. Nach seinen weiteren Videos zu „Billie Jean“ und „Beat it“ war Jackson tatsächlich endgültig unschlagbar. Bob Giraldi, der zu dem „Beat it“-Video Regie führte, sagte über Michael: „Er ist ein absoluter Perfektionist. Michael holt sich die besten Leute, die es gibt: den besten Regisseur, den besten Kameramann, die besten Haarstylisten, die besten MakeUp- und Kostüm-Leute. Leichtgewichte erkennt er, und dann sucht er sich sofort jemand anderen.“ Na bitte, da waren sie wieder – die Superlativen! Und es ging im gleichen Tempo weiter: Die einstige Plattenfirma der „Jackson 5“ – die Brüder trennten sich im Jahre 1976 von Motown, wechselten zum CBS-Label Epic und nannten sich fortan aus rechtlichen Gründen nur noch „The Jacksons“ – feierte im Rahmen einer grossen Gala, die zudem im Fernsehen ausgestrahlt wurde, ihren 25. Geburtstag. Held dieser Feier sollte natürlich Michael sein, der zu diesem feierlichen Anlass nochmals ein paar alte Songs singen sollte. Mit seinem etwas sarkastisch gemeinten Hinweis in Richtung der alten Motown-Gründer sagte er, dass es wohl Zeit für etwas Neues sei. Der Gitarrenriff und Bass von „Billie Jean“ rollte aus dem Hintergrund heran und der in schwarzen „Hochwasser“-Hosen und weißen Glitzersocken auf der Bühne positionierte Michael nahm sich einen Hut und begann, den Tanz seines Lebens zu tanzen. Es war der vom französischen Pantomimen Marcel Marceau abgeguckte und von ihm perfektionierte, zu einem Popspektakel umfunktionierte Moonwalk, bei dessen Anblick die Zuschauer vor Begeisterung zu kreischen begannen. Michael schien über die Bühne zu schweben – vorwärts und rückwärts zugleich. Unumstritten beherrschte er die kompletten 80er-Jahre. Die präzise, einzigartige, elektrisierende Fusion aus schwarzem Rhythm & Blues, Gospel, Pop und weißen Rockelementen, die Musik-Videos und das perfekt choreographierte Entertainment – das alles waren die Erfindungen des „King of Pop“, der alles in Perfektion vortrug, Tanz, Gesang und Bühnenpräsenz. Dennoch vergaß er seine Wurzeln und seine ihm einst ebenbürtigen Brüder nicht. Trotz des Erfolges seines „Thriller“-Albums und gegen seinen eigenen Willen erklärte er sich seinen Brüdern zuliebe bereit, mit ihnen noch einmal ihm Rahmen der äußerst lukrativen „Victory“-Tour um die Welt zu reisen. „Diese Tour ist Michael wichtig, weil sie Michaels Familie wichtig ist. Er hätte vielleicht lieber andere Dinge getan. Aber ihm lag daran, der Bitte seiner Brüder und seiner Familie zu entsprechen.“, so die Aussage seines damaligen Anwalts John Branca.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Während er von einer „Abschiedstour“ und dem „letzten Vorhang“ spricht, sieht es Vater Joseph – der Michaels enge Verbundenheit zu seinen Brüdern einfach nur ausnutzte – als die Pflicht des braven, gut erzogenen und natürlich auch dankbaren Sohnes an, für den populären Teil der Familie parat zu stehen und fraglos deren Schritte mitzugehen. Einer dieser Schritte waren auch die Pepsi-Werbespots, für die seine Hitsingle „Billie Jean“ mit dem von ihm veränderten Text „You´re a whole new generation. You´re loving what you do. Put a Pepsi into motion. That´s all you gotta do.“ im Hintergrund ablief. Zwar bewarb er hier ein Produkt, das er als erklärter Reformkostler selber niemals kaufen würde, dennoch verbarg er seine Abneigung auf professionelle Weise und erreichte hiermit den nächsten Weltrekord – der Konzern Pepsi zahlt ihm für vier Werbespots zwölf Millionen US-Dollar und macht ihn somit zum „höchstbezahlten Prominenten für Werbespots“. Während der Dreharbeiten zu einem der Spots kam es zu einem folgenschweren Zwischenfall mit Feuereffekten. Es war der sechste Take, als eine Explosion Michaels tanzende Silhouette erleuchtete, bevor er elegant die Treppe herunter sprang. Während der Explosion entzündete ein Funken die Haare des Superstars, der sich jedoch so sehr auf seine Tanzschritte konzentrierte, dass er erst bei seiner Drehung am unteren Ende der Treppe wahrnahm, dass er Feuer gefangen hatte. Schreiend wurde er auf einer Trage mit Verbrennungen zweiten und dritten Grades vom Unfallort direkt ins Krankenhaus gefahren. Dieser Vorfall war mehr als nur eine Warnung – er war die Krücke, die Michael fortan mit sich durch sein Leben schleppte und die ihm letztendlich unkontrolliert unter den Armen wegrutschte und ihn sein Leben kostete. Sein Gesundheitszustand war zunächst nicht kritisch – der Verletzte lachte bereits einen Tag darauf schon wieder – und schon zwei Jahre später, 1986, unterzeichnete er einen neuen Werbevertrag mit Pepsi, mit welchem er für die folgenden drei Jahre 15 Millionen US-Dollar kassierte. Für den mittlerweile 25-Jährigen gibt es schon lange keinen Durchschnitt mehr – weder beruflich, noch – wenn überhaupt zuvor jemals vorhanden – privat. Seine enge, seelenverwandte Freundin Elizabeth Taylor gab ihm den bis heute erhaltenen Titel „King of Pop“. Kein anderer Popstar hat je so viel verkauft, kein Album je sieben Top-Ten-Singles abgeworfen, wie sein „Thriller“. Seine fesselnden, spektakulären Konzerte kamen rituellen Erweckungen gleich und lösten reihenweise Ohnmachtsanfälle sowie unbeschreibliche Hysterie aus. Nach dem Besuch eines seiner Konzerte schrieb Gregory Sandow, Reporter des „Los Angeles Herald Examiner“: „Das Wort „Superstar“ wird bedeutungslos, misst man es an der Kraft und Anmutung, die Michael Jackson auf der Bühne vermittelt.“ Des Weiteren engagierte er sich zunehmend charitativ – unter anderem indem er 1985 zusammen mit Lionel Richie den Song „We are the world“ schrieb, mit dem 45 Stars unter dem Namen „USA for Africa“ auf die Hungersnot in Afrika aufmerksam machten. US-Präsident Ronald Reagan verlieh ihm eine Ehrenauszeichnung für „Humanitarian Endeavors“ und 1992 folgte diesem Presidential Award ein weiterer, der ihm von George Bush überreicht wurde. Das Geld regnete wie aus vollen Eimern gegossen auf seine Konten herab und wurde dementsprechend vielfältig investiert. Ein Teil seines Vermögens sollte in die Gründung von mindestens fünf neue Unternehmen fließen, von denen eines, „Experiments In Sound“, neue Klangtechnologien erforschen und entwickeln sollte; „Optimum Productions“, die Firma, die das Video und die Dokumentation zu „Thriller“ betreut hat; für 47,5 Millionen Dollar schnappte er Paul McCartney die frei gewordenen Rechte an 251 der wichtigsten Beatles-Songs vor der Nase weg; und – apropos „Nase“ – ein Teil seines Vermögens geht für den Bruch seines einstigen Versprechens an Jane Fonda drauf, denn entgegen seines damaligen Vorsatzes blieb es nicht bei dieser einen ersten Nasen-Operation – auch nicht bei einer zweiten oder dritten, denn 1986 war es bereits die vierte Operation, in der neben der Nase, die noch dünner und künstlicher wurde, auch das Kinn und die Wangen verändert wurden.


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„Die größte Freude, die ich je hatte, ist das Wissen, mein Gesicht auswählen zu können. Ich will besser werden, ich will perfekt sein.“, so das Geständnis des Mannes, dem auch ohne seiner überflüssigen, äußerlichen Veränderungen die ganze Welt zu Füssen lag. Zur gleichen Zeit wurde auch seine Haut immer bleicher, was Michael jedoch mit der seltenen Hautkrankheit namens Vitiligo verteidigte, während sich der Grossteil der schwarzen amerikanischen Bürger irritiert fragte, ob er sich insgeheim nicht nur von der äußerlichen Ähnlichkeit zu seinem Vater, sondern auch gleich noch von seinen afroamerikanischen Wurzeln lossagen wollte. Greg Tate, ein Journalist der „Village Voice“ unterstellte Jackson sogar, er würde mit seinen Alben „seinen eigenen Rassenhass verkaufen“. Er wurde zum „künstlichen weißen Mann“, der nun auch noch seine Herkunft verraten und offensichtlich alles, was ihn an seine schreckliche Kindheit und Jugend erinnerte, abwerfen wollte. Ein Spleen und eine Leidenschaft für die Selbstverstümmelung, die zweifellos und eindeutig auf das Konto von nur einem Menschen ging: Joseph Jackson, der eigene Vater, der seine Autorität und sein Durchsetzungsvermögen spätestens jetzt hätte positiv einsetzen müssen, indem er seinen Sohn zu einem guten Therapeuten begleitet hätte. Doch damit hätte er schliesslich kein Geld verdient – also schaute der emotionslose Vater lieber zu, wie sein Sohn als umher wandelnder, dürrer, aber immerhin gewinnender, Freak die Millionen nach Hause brachte. Eddie Murphy fand seine ganz eigene Beschreibung zu dem Operationswahn: „Ich mag Michael, aber sein Bruder ist ein bisschen seltsam.“ Und selbst wenn Joseph sein irgendwo vergrabenes väterliches Herz nach Aussen gekehrt hätte, stellt sich immer noch die Frage, ob sich sein Sohn ihm anvertraut und sich helfen lassen hätte. Vielmehr war es bereits so, dass Michael sämtliches Vertrauen in die Welt der Erwachsenen verloren hatte und sich ausschließlich in der Nähe von Tieren oder Kindern sicher, verstanden und wohl fühlte. Wut, Trauer und Einsamkeit verbarg er vor dieser Welt oder aber er hoffte, diese Emotionen tanzend abschütteln, sich von den Ketten der Sklaverei im Dienste des Vaters frei tanzen und sich singend gegen alle Erniedrigungen Respekt verschaffen zu können. Nachdem sich „Thriller“ mit seinen bahnbrechenden Erfolgen einerseits als Segen, andererseits aber auch – auf Grund der überdimensional angelegten Messlatte – als Fluch entpuppte, kam 1987 in nochmaliger Zusammenarbeit mit Produzent Quincy Jones das heiß erwartete Nachfolgeralbum „Bad“ auf den Markt. Auch wenn sich Michael in den musikalischen Schraubstock setzte, um den Erfolg seines Vorgängerwerkes zu toppen, so wäre es dennoch ein Wunder gewesen, wenn er auf dieser Höhe den Erfolg hätte halten, bzw. noch übertreffen können. Von dieser Sicht betrachtet konnte es nach „Thriller“ eigentlich nur bergab gehen, was unter normalen Voraussetzungen jedoch immer noch als überdurchschnittlich erfolgreich durchgegangen wäre. „Bad“ erfand keine neuen Genres, sondern polierte vielmehr den festgesetzten Jackson-Sound ein wenig und war dank seiner Titel, wie z.B. der zum Nachdenken anregenden Ballade „Man in the mirror“, sowie „The way you make me feel“ oder „Smooth Criminal“, immer noch ein überdurchschnittliches Album, dem allerdings der Reiz und das besondere Gespür für den Überwältigungspop abhanden gekommen war. Schon allein der Titel des Albums schien der verzweifelte Versuch zu sein, den schüchternen, in seiner Art immer noch kindlich wirkenden Künstler besonders erwachsen und „böse“ erscheinen zu lassen, was jedoch nicht einmal die Heavy-Metal-Gitarren zu „Dirty Diana“ vermochten.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Trotz allem konnte sich Michael nicht beklagen – das Album verkaufte sich 30 Millionen Mal und in den USA schafften es gleich fünf Songs an die Spitze der Charts – die meisten Nummer-Eins-Hits eines Albums in den USA überhaupt! 1988 startete er die erfolgreichste Konzertserie aller Zeiten, in der seine Auftritte im Londoner Wembley-Stadion für sieben Nächte komplett ausverkauft waren und von insgesamt 504.000 Besuchern miterlebt wurden. Noch im gleichen Jahr verlieh ihm das Magazin „Ebony“ den „American Black Achievement Award“. Und es hagelte in den darauffolgenden Jahren weitere Auszeichnungen sowie Banknoten: Im Guinness-Buch der Rekorde wurde er als „erfolgreichster Künstler aller Zeiten“ eingetragen – allein durch den Verkauf seiner Tonträger verdiente Michael 125 Millionen US-Dollar, auch sein „Thriller“ gelangte als „Best selling album of all time“ ins Guinness-Buch der Rekorde; die Zusammenarbeit mit ihm ist Vielen so einiges wert: 1991 unterzeichnet Jackson den mit unglaublichen ca. 900 Millionen US-Dollar höchst dotierten Plattenvertrag aller Zeiten bei Sony; im Laufe seiner Karriere wurden ihm 13 MTV Awards, 7 Brit Awards und 22 American Music Awards überreicht; er war zudem der Künstler mit den teuersten Video-Clips: bis heute hält sich der Clip zum Song „Scream“ rein kostentechnisch hartnäckig an der Spitze, aber auch die Videos zu „Black or white“ (mit Kinderstar Macaulay Culkin), „You rock my world“ (mit Chris Tucker), „Remember the time“ (mit Eddie Murphy und Iman) oder „In the closet“ (mit Naomi Campbell) kosteten jeweils mehrere Millionen Dollar; die Rock´n´Roll Hall Of Fame nahm 1997 zunächst „The Jackson 5“ und 2001 Michael als Solo-Künstler bei sich auf; mit seinen Alben „Bad“ (1987), „Dangerous“ (1991), „History“ (1995) und zuletzt „Invincible“ (2001) erreichte Michael als erster Künstler auf Anhieb die Pole Position der US-Charts; 2002 erhielt er die offizielle Ernennung zum „Artist of the century“, Deutschland legte ordentlich nach und schenkte ihm einen Bambi als „Pop artist of the millennium“; 2006 folgten weitere Einträge ins Guinness-Buch, unter anderem in den Bereichen „Most successful Entertainer of all time“, „Youngest vocalist to top the US Single Charts“, „Highest paid Entertainer of all time“, „First Entertainer to earn more than 100 Million Dollars in a year“, „First Entertainer to sell more than 100 Million albums outside the US“ und „Most weeks at the top of the US Album Charts“; selbst in diesem Jahr noch brach er Rekorde: mit elf Tickets pro Sekunde wird sein Comeback zur am schnellsten ausverkauften Konzertreihe: 750.000 Karten für 50 Gigs in London von Juli 2009 bis März 2010. Zahlen und Fakten, die einfach nur für sich, bzw. für den „King of Pop“ sprachen. Leider wurden all diese beeindruckenden Erfolge schon kurz nach der Veröffentlichung von „Bad“ immer nebensächlicher. Vielmehr entwickelte sich der strahlende, liebevolle und zarte Superstar zu einem Wesen aus der Zwischenwelt – nicht Fisch, nicht Fleisch, halb Mann, halb Frau, halb Mensch, halb Geist – das nach Aussen keinen Bezug zur Realität fand und über dessen Handlungen die Öffentlichkeit mehr und mehr den Kopf schüttelte. Michael war ein Sonderling, dem man einfach alles zutraute. In der Presse las man viel über ihn: er legte sich stundenlang in ein Sauerstoffzelt – angeblich um den Alterungsprozess aufzuhalten, was Michael jedoch dementierte; es gingen Gerüchte herum, dass er sich die Knochen des berühmten Elefantenmannes gekauft habe – auch das dementierte er. Irgendwann war er wohl der Dementierungen überdrüssig und so drang eine skurrile Nachricht nach der anderen ungehindert an die Öffentlichkeit – man denke nur an seinen ständigen Begleiter, den Schimpansen „Bubbles“, mit dem sich Jackson wohl so ziemlich alles teilte. Immerhin blieb er so nicht nur in den Boxen der Stereoanlage, sondern auch im aktuellen Tagesgespräch der Leute. John Landis klärte damals auf: „Wie bei jedem Superstar geraten auch bei Michael Phantasie und Wirklichkeit komplett durcheinander. Es ist auch verdammt schwer, nicht durchzudrehen. Ich glaube, er tut gut daran, sich von der Presse fernzuhalten, denn die schreibt ohnehin was sie will. Aber ich sag dir eines: Ich mag ihn wirklich. Er ist sehr klug und ein extrem netter Kerl.“


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Sein ihn zu „Bad“-Zeiten betreuender Manager Frank Dileo äußerte sich bezüglich der Vorgangsweisen der Presse mit eindeutigen Worten zu Gunsten seines Künstlers: „Die Presse schreibt nur, was sie ohnehin schreiben will – ob richtig oder falsch. Sie wissen nichts über Michaels Privatleben und sind deshalb furchtbar irritiert – was ich sogar verstehe. Aber das ist nun mal eine Entscheidung, die wir getroffen haben: Das Privatleben bleibt privat. Warum in aller Welt fragen die Leute nicht nach dem, was Michael für sein Publikum bedeutet! 2,5 Millionen Zuschauer haben ihn auf dieser Europatournee gesehen – das sind mehr Tickets, als je ein anderer Musiker verkaufen wird, ob er nun Bruce Springsteen heißt oder wie auch immer. Die Zuschauer zahlen viel Geld und respektieren, was Michael ihnen bietet. Nur das zählt! Den ganzen Quark, den da irgendwelche Revolverblätter auftischen, sollte man einfach vom Tisch fegen. Nur die Show sollte zählen, nur die Qualität seiner Musik. Er singt, er tanzt, er gibt zweieinhalb Stunden alles, was er hat. Nenn mir eine Gruppe, die sich derartig schafft fürs Geld.“ Doch Michael, der angeblich nur über die Zeitungsenten bezüglich seiner Person lachen konnte, reagierte recht bald so, als wolle er sein Leben komplett neu beginnen. Zunächst trennte er sich von seinem langjährigen, treuen Produzenten Quincy Jones, auch der sich für ihn aussprechende Manager Frank Dileo musste das Feld räumen, genauso wie sein Anwalt John Branca, der viele komplexe Kämpfe für seinen Klienten durchstand – nur Michael selbst blieb so, wie er war und auch seine eigene kleine Welt, in die er sich immer öfter flüchtete und die doch so renovierungsbedürftig schien, blieb die gleiche. Sehr aussagekräftig war dahingehend das Cover seines am 26. November 1991 veröffentlichten Albums „Dangerous“, das wie eine gigantische Maske mit all dem Schnickschnack aus Engeln, goldenen Thronen, juwelenbesetzten Kronen und Skelette wirken sollte, hinter der sich der wahre Mensch Michael Jackson zu verstecken schien. Zwar waren seine Erwartungen in dieses Album riesig – es sollte eine Rakete sein, die ihn in noch ungeahntere Sphären der Popularität schießen sollte -, dennoch wurde es, trotz seiner 70.000 täglich verkauften Exemplare und dem ersten Platz in den „Billboard“-Charts, von den Kritikern zerrissen, da Michael zwar mit den Songs „Heal the world“ oder „Black or white“ sein außergewöhnliches Talent als Songwriter bewies, sein Gesamtwerk ihn jedoch alles in allem als ausgemusterten Oldie dastehen liess. Abgesehen von seiner überdurchschnittlichen Großzügigkeit (wohl auch der Grund, warum er sich vor „Freunden“ kaum retten konnte) schwand auch noch der letzte Rest des ohnehin schon nicht sehr stark ausgeprägten Sinnes für Geld. Als die mit John Landis vollzogene Produktion des „Black or white“-Videos – wohl unter anderem auch wegen dem angewandten neuen und extrem teuren „Morphing-Prozess“ – schlussendlich rund 7 Millionen Dollar gekostet haben dürfte, sprengte bereits zuvor sein „Bad“-Video, bei dem Martin Scorsese Regie führte, mit „gerade mal“ ca. 2 Millionen Dollar schon alle bis dahin vorgegebenen Budgetgrenzen. Ausserdem kamen da noch die Löhne und Honorare, die er seinem Gefolge aus Managern, Assistenten, Ärzten und Anwälten in grossem Masse zugestand. Und Michael entdeckte dann auch etwas, was nur ihm ganz alleine Freude, Kraft und so etwas wie Heimat schenken sollte, nämlich als er bei Santa Barbara nördlich von Los Angeles die Sycamore Valley Ranch, ein riesiges Anwesen aus Häusern, Hügeln und Parks entdeckte und für 17 Millionen Dollar kaufte. Die von ihm sofort in „Neverland“ umbenannte Ranch sollte mehr als nur ein „Dach über dem Kopf“ werden. Der „King of Pop“ fand sein eigenes magisches Königreich, in welchem er fortan – fernab von Anwälten, Geschäftsleuten, Managern, Pressevertretern, Fans und auch eigener Familie – all seine Statuen, Puppen, Tiere und Spielzeuge regierte.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Es war seine Festung, sein Rückzugsgebiet – hier tobte sich der Mensch, oder besser gesagt das Kind, hinter der Figur „Michael Jackson“ aus. „Gewiss fürchtet er sich ein wenig vor fremden Leuten. Aber wenn man von frühester Kindheit an gewohnt ist, dass die Leute ein Stück von einem wollen, deine Kleider, deine Haare, dann wird man eben ein wenig nervös.“, erklärte der Choreograf Vince Paterson einst. Nun gut, wenn es nur das gewesen wäre. Im Laufe der Zeit waren sich sowohl Freunde, Bekannte als auch Unbeteiligte über etwas Ausschlaggebendes einig: hier stimmte etwas nicht! Michael war mittlerweile nicht nur geschäfts-, sondern auch altersmäßig ein gestandener Mann. In der Öffentlichkeit, auf der Bühne war er der unangefochtene „König des Pop“, der sich mehr und mehr in den Schritt griff – privat auf seiner bezaubernden Puppenstuben-Ranch jedoch war er der „König der Zuckerwatte“ im grössten Kinderzimmer der Welt. Die Menschen staunten nicht schlecht, als damals die ersten Bilder seines Anwesens durch die Presse gingen: direkt an der Front der hauseigene, nach seiner Mutter benannte, Bahnhof „Katherine-Station“, von hier aus konnte man mit einer Eisenbahn im Stil der Jahrhundertwende das ganze „Neverland“-Tal bereisen, konnte hier einfach aufspringen und sich direkt vom Haupthaus in ein eigens angelegtes Indianerdorf mit Tipis, Totempfahl, Lagerfeuer sowie lebensgroßen Repliken amerikanischer Ureinwohner fahren lassen; die Wege waren mit Bronzestatuen – seilspringende Jungs, herumtollende Tiere – gesäumt; es gab grosse Eichen und Platanen, einen künstlich angelegten See, der in einem Schwanenboot, einem Dingi oder einem Kanu befahrbar war; einen zweistöckigen Fort, aus dem Artilleristen mit Wasserpistolen feuerten; den extra angefertigten Vergnügungspark mit der drei Stockwerke hohen Rutsche, dem Riesenrad, der „Sea-Dragon-Schiffschauel“ und jeder Menge Attraktionen mehr – diese zwar in bunte Lichter gehüllt und mit Musik untermalt, allesamt in Betrieb, dennoch menschenleer waren und beinahe geisterhaft wirkten; der „Jackson“-Zoo mit Pferden, Zebras, Büffeln, Straussen, Giraffen, Affen, Pythons, sogar Elefanten und vielen Tieren mehr; ein über zwei Millionen teures Kino mit einer Süssigkeiten-Theke in der Eingangshalle und, statt Logenplätze, Schlafzimmern mit Fenstern zum Saal im Inneren; aus den Rasenflächen und Blumenbeeten seines Anwesens ertönte Musik, aus den als grossen, grauen Felsen getarnten Lautsprechern dröhnten Musical-Hits; mittendrin ein Riesenbildschirm in der Grösse einer Autokinoleinwand, auf der Zeichentrickfilme – ohne Zuschauer – liefen; inklusive waren auch die zeitweilig bis zu 69 Angestellten und – natürlich – die Hauptattraktion überhaupt: Michael Jackson. „Neverland“ war wirklich ein „Nimmer“- oder besser gesagt „Niemandsland“, das sich irgendwo zwischen Himmel und Erde, zwischen Jugend und Kindheit, befand. Der von Michael im Jahr 2003 der Öffentlichkeit präsentierte Satz: „Ich bin Peter Pan“ trifft den Kern seines Selbstverständnisses – die letzten Zweifler verstummten spätestens beim Anblick seiner neuen Heimat und schon seine von ihm 1981 vom Vater abgekaufte Hälfte des Familienanwesens Hayvenhurst wurde von ihm einst in ein Kinderparadies umstaffiert. Michael identifizierte sich auf geradezu morbide Weise mit dem Hybrid-Wesen, eine Art Engel, halb Mensch, halb Vogel. Kaum aus dem Gefängnis des Vaters entlassen schuf er sich neu als geschlechts-, familien-, rasse-, und alterslose Märchenfigur. „Ich bin von zu Hause weggelaufen, gleich an dem Tag, als ich geboren wurde“, erzählt Peter Pan seiner Freundin Wendy, bevor er sie und ihre beiden Brüder mitnimmt nach Neverland, „weil ich gehört habe, wie sich Vater und Mutter darüber unterhielten, was ich werden sollte, wenn ich gross bin … Ich möchte nie gross werden … Ich will immer ein kleiner Junge bleiben und meinen Spass haben. Deshalb bin ich weggelaufen, in den Park von Kensington Gardens, und habe lange, lange Zeit bei den Feen dort gelebt.“ Aussagen, die wohl auch Michael, der Zeit seines Lebens seiner verloren gegangenen Kindheit hinterher trauerte, selbst nicht besser hätte treffen können. „Ich hätte so gerne Zeit zum Spielen und das Gefühl von Freiheit gehabt“, schrieb er noch im Jahr 2000, „mehr als alles wünschte ich mir, ein normaler Junge zu sein. Ich wollte Baumhäuser bauen und Roller fahren, aber das wurde sehr früh unmöglich.“ Für ihn, der sich massiv um seine Kindheit betrogen fühlte und deshalb in ihr wie in einer Endlosschleife gefangen blieb, war Peter Pan schlicht die passende Identifikationsfigur. Genau wie er, so wollte auch Michael nie erwachsen und somit seinem Vater ähnlich werden.


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Seine optische und habituelle Veränderung war sein letzter Akt der Emanzipation. In der Geschichte des grossen Vorbilds gibt es auch noch die andere Vaterfigur, die absolute Horrorgestalt, den brutalen und Angst einflössenden Captain Hook. Wie Vater Joseph, der sich angeblich nachts mit einer Dämonenmaske verkleidet vor das Haus gestellt und ans Schlafzimmerfenster geklopft haben soll. Im Roman verletzt Hook den jungen Helden bei einem ersten Zusammentreffen so sehr, dass dieser zunächst befürchtet, an den Verletzungen sterben zu müssen. Im letzten entscheidenden Kampf besiegt Peter Pan jedoch den Kapitän und wirft ihn über Bord, direkt in das offene Maul eines Krokodils. Eine „poetische, märchenhafte“ Gerechtigkeit, um die auch der Sohn im ungleichen Kampf mit seinem Vater angestrengt kämpfte. Auch in den Beziehungen Peter Pans zu den ihm an die Seite geschriebenen Frauenfiguren konnte sich Michael wieder finden. Die Fee Tinker Bell, die Indianerin Tiger Lily und Wendy – sie alle begehren ihren tapferen Helden. Der jedoch will sich nicht berühren lassen und macht immer wieder einen Rückzieher, bevor es dazu kommen könnte. Jackson kannte diese Angst nur zu gut und daher hatte er möglicherweise auch nie intime Kontakte zu erwachsenen Frauen. Seine erste im Jahr 1994 geschlossene seltsame Ehe mit Lisa Marie Presley, der Tochter des „King of Rock`n`Roll“ Elvis Presley, war wohl eher ein symbolischer Akt oder der vergebliche Versuch, der Welt einen heterosexuellen Frauenhelden zu präsentieren. Auch wenn das Paar fast nackt in dem Video zu „You are not alone“ zu sehen war, sei es, wie Lisa Marie später sagte, zu einem richtigen sexuellen Verhältnis nie gekommen. Da eine Ehe nicht nur aus Spiel, Spass, Gesang und Tanz besteht – noch nicht einmal, wenn der Gatte Michael Jackson heißt – war es nur logisch, dass sie der letzte gemeinsame Weg schon kurze Zeit später vor den Scheidungsrichter führte. Den zweiten Versuch unternahm Michael dann, als er 1996 die Assistentin seines Hautarztes, Debbie Rowe, die zwei seiner drei Kinder (Sohn Prince Michael Jr. und Tochter Paris Michael Katherine) – deren Entstehung mehr künstlich als natürlich vonstatten ging – zur Welt brachte. 1999 sah sich der Superstar erneut ohne weibliche Begleitung, dafür aber mit seinen Kindern an der Seite, denn Debbie Rowe verließ ihn – wahrscheinlich mit einer millionenschweren Abfindung in der Tasche. Ob er seine Frauen – wie sein Idol Peter Pan seine Freundin Wendy – auch nur mit nach „Neverland“ nahm, weil sie so gute Einschlafgeschichten kannten und für ihn den Mutterersatz spielen sollten? Peter Pan bleibt am Ende allein zurück: „Es hätte keinen schöneren Anblick auf der Welt geben können, aber niemand sollte es sehen, ausser einem merkwürdigen Jungen, der durchs Fenster hineinsah. Er hatte unzählige Abenteuer bestanden, die andere Kinder nie erleben werden, doch jetzt blickte er durch das Fenster auf das eine Glück, von dem er immer ausgeschlossen sein würde.“ Michael war auch alleine – er stellte sogar in seinem Schlafzimmer lebensechte Schaufensterpuppen auf, um immer Gesellschaft zu haben.


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Für „lebende“ Gesellschaft in seinem Schlafzimmer war er zu schüchtern. Gemäss Quincy Jones Worten sei er so schüchtern gewesen, dass er erst dann zu singen begann, nachdem er sich mit dem Rücken zu seinem Produzenten gesetzt hatte während dieser sich die Augen zuhalten und das Licht löschen musste. Seiner Meinung nach gäbe es niemanden, der dazu in der Lage gewesen wäre, Michael zu einem normalen Leben zu bewegen. An der Universität Oxford brach Michael bei einem Vortrag zum Thema Kindeserziehung einst vor rund 500 Studenten in Tränen aus: „Ich stehe hier nicht als Pop-Ikone vor ihnen, sondern als Ikone einer Generation, die nicht mehr weiß, was es heißt ein Kind zu sein.“ Anlass dieser Rede war die Gründung der Wohltätigkeitsorganisation „Heal the Kids“, die nach eigenen Angaben die Beziehung zwischen Kindern und ihren Eltern fördern und Programme unterstützen möchte, die Kindern dabei helfen, die „Liebe, Aufmerksamkeit und Zeit zu bekommen, die sie für ihr Wachstum und Wohlbefinden brauchen.“ Margo Jefferson schrieb einst: „Die Kunst macht das Leben erträglich, manchmal sogar spannend. Aber wenn sie ins Leben zurückschlägt und Phantasie zu biografischer Realität wird, sind wir entsetzt.“ – wie im Falle des Michael Jackson. Wann genau der Abstieg seines steilen Anstiegs genau begann, lässt sich wahrscheinlich deswegen nicht genau erklären, weil er sich sowohl als Mensch, als auch als Phänomen, erstaunlich lange und ausdauernd im Scheitelpunkt halten konnte. Der Wendepunkt in seinem Leben und seiner Karriere begann zunächst schleichend, als er im Mai 1992 in der Werkstatt eines Autoverleihers dessen Frau und ihren Sohn aus erster Ehe, Jordan Chandler, kennenlernte. Wie viele andere Kinder, so verehrte der 12-Jährige den Superstar natürlich genauso. Es war die Mutter, die Michael aufforderte, ihren Sohn doch einmal anzurufen, was dieser auch tat, sodass Mutter samt Sohn kurz darauf zunächst einige Tage in „Neverland“ verbrachten, bevor sie dann zusammen nach Monaco verreisten. Hier soll Jordan, gemäss seiner eigenen Aussage, von Michael sexuell missbraucht worden sein. Das war der Beginn eines weltweiten Skandals. Michael, das grosse Kind, das sich nur unter Kindern wohlfühlte, daraus auch keinen Hehl machte und ständig eine grosse Horde – besonders sehr kranke – von ihnen zu sich nach „Neverland“ einlud, um ihnen alle Wünsche von den Augen abzulesen, wurde über Nacht zum grausamen Monster, zum Kinderschänder. Da der High Court seiner Wahlheimat Los Angeles County auf Grund der von Chandler geäußerten Vorwürfe Anklage gegen ihn erhob, musste er im November 1993 seine vom Pepsi-Konzern gesponserte „Dangerous“-Welttournee abbrechen; er hinterließ ein Hotelzimmer, das Angestellte von Erbrochenem reinigen mussten, und floh zusammen mit Elizabeth Taylor nach London. Die innige Beziehung zwischen Jackson und Taylor wuchs zwar zunächst sehr langsam heran – die ersten drei Monate führten sie lediglich ausgedehnte und intensive Telefonate miteinander -, wurde im Laufe der Jahre allerdings zur wichtigsten, loyalsten und aufrichtigsten in seinem Leben.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

In Liz Taylor hatte Michael nicht nur eine echte Freundin, sondern auch seine entschiedenste Verteidigerin, auf die er selbst in dieser schwierigen Zeit bauen konnte. Sie hätte niemals ein schlechtes Wort über ihren Freund verloren – ihre Liebe zu ihm kam aus ihrem tiefsten Herzen: „Er ist einer der liebenswertesten, süßesten und aufrichtigsten Menschen, die ich je geliebt habe. Er ist Teil meines Herzens. Wir würden alles füreinander tun.“ Während sich die beiden Freunde noch in London aufhielten, trafen sich zur gleichen Zeit in Los Angeles Staatsanwälte, Jacksons Anwälte und die der Chandler-Familie. „Neverland“ wurde auf den Kopf gestellt und auf Hinweise durchsucht, wenngleich sich hierbei nichts fand, was tatsächlich Klarheit darüber schaffen konnte, ob sich hier oder anderswo jemals wirklich etwas derart Abnormales zwischen Michael und dem Chandler-Jungen abgespielt habe oder eben auch nicht. Etwas Schlimmeres hätte dem unnahbaren, kontaktscheuen Sänger kaum passieren können. Er musste am eigenen Leib erfahren, dass es in unserer Gesellschaft nichts, aber auch rein gar nichts gibt, das die Reputation eines Menschen nachhaltiger zerstört, als der Vorwurf, er mache gerne mit kleinen Jungs rum. Ob schuldig oder unschuldig – das Brandmal bleibt haften, es begleitet den Rest des Lebens. Um das hinter sich zu bringen und einem demütigendem Prozess zu entgehen, einigten sich die Parteien 1994 gegen die Zahlung von 23 Millionen US-Dollar außergerichtlich darauf, dass Vater Chandler auf eine Aussage vor Gericht verzichtet. Diese Einigung hatte den faden Beigeschmack von „Schweigegeld“ – obwohl schon im Laufe des Verfahrens viele Einzelheiten an die Öffentlichkeit gelangten. So musste Michael schon bei den Ermittlungen durch Staatsanwalt Thomas Sneddon buchstäblich die Hose runter- und seine Genitalien fotografieren lassen, weil das Kind angeblich beweiskräftige Angaben über „besondere Kennzeichen“ gemacht hatte. Die Frage: „Wenn er es nicht war, warum zahlt er dann?“, sollte Jackson sein weiteres Leben verfolgen. Andererseits muss man gerechterweise auch die Gegenfrage stellen: „Wenn er es tatsächlich war, warum nahmen die Eltern dann das Geld an und ließen den Kranken damit weiterhin auf freiem Fuß direkt in die Herzen der nächsten Kinder wandern?“ Im Leben gibt es nur Gewinner und Verlierer – und womöglich ahnte Michael, dass er selbst im Falle eines Freispruchs fortan als Verlierer mit „dem“ Makel durch das Leben gehen würde. Wie die Öffentlichkeit ihn sehen würde – ob nun schuldig oder unschuldig – das konnte er nicht mehr kontrollieren. Ausgerechnet in dieser Zeit wurde auch noch sein langjähriger Medikamentenmissbrauch bekannt und der Beschuldigte war zutiefst verletzt, fühlte er sich doch unschuldig. 1999 sagte er in einem Interview mit dem „Daily Mirror“: „Ich würde mir lieber die Pulsadern durchschneiden, als einem Kind etwas zuleide zu tun. Ich könnte so etwas nie tun. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie mich dieser fürchterlichen Gerüchte gequält haben. Ich verstehe diese gemeinen Leute nicht, die denken, dass ich Kindern so etwas antun könnte. Es handelt sich um fürchterliche Lügen. (…) Wenn es meine Kinder nicht gäbe, hätte ich das Handtuch geworfen und Selbstmord begangen.“ Sein Abstieg von der Kult- zur Witzfigur war damals besiegelt. Durch den Skandal finanziell an den Rand des Ruins getrieben, dümpelte Jackson musikalisch nur herum.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Sein 1991 erschienenes Album „Dangerous“ hatte sich zum Chandler-Skandal mit 32 Millionen Exemplaren sehr gut verkauft und das nach der außergerichtlichen Einigung im Jahr 1995 veröffentlichte Doppel-Album „HIStory“ sollte mit der ersten „Greatest Hits“-CD wohl an die vergangene glorreiche Zeit erinnern, während die zweite CD, auf der sich neue Songs befanden, hingegen hauptsächlich als „Jetzt-red-ich“-Platte ausfiel, unter anderem mit einem Schmählied auf den Staatsanwalt Sneddon („D.S.“), in der er sich die Wut und den Zorn über die Ereignisse in den vergangenen Monaten vom Leib schrie. Mit gerademal 18 Millionen verkauften Alben jedoch floppte dieses Werk für Jackson-Verhältnisse gewaltig. 2001 brachte er dann sein letztes reguläres Album mit dem trotzig anmutenden Titel „Invincible“ heraus, welches trotz schlechter Kritiken immerhin noch 10 Millionen Tonträger umsetzen konnte. Inzwischen war Michael auch noch mehrere Male zum „dümmsten“ US-Bürger – noch vor Mike Tyson und Winona Ryder – gewählt worden; ausserdem zur gruseligsten Halloween-Figur – noch vor Dracula und Jason, aus „Freitag, der 13.“. Um einen größeren Abstand zu all dem zu bekommen, lenkte der gefallene Superstar seine Konzentration auf andere Projekte, so wollte er Vergnügungsparks – unter anderem im südafrikanischen Swasiland sowie in Polen – bauen. Um seinem verheerenden Image entgegenzusteuern, nutzte er auch das Kino, denn er beabsichtigte, die Hauptrolle in dem von seiner eigenen Filmfirma produzierten Werwolf-Film „Wolfed“ zu spielen; das Waisenhaus-Drama „They cage the animals at night“ von Jennings Michael Burch wollte er gar als Regisseur auf die Leinwand bringen; in dem nie umgesetzten Animationsfilm „The way of the unicorn. The Endangered One“ war er für eine Rolle als Sprecher im Gespräch; mit einem kleinen Auftritt in dem Film „Men in Black II“ bewies er letztendlich sogar noch Humor, indem er das spielte, wofür ihn viele hielten, nämlich einen Ausserirdischen. Die Menschen und vor allem die Presse interessierten sich jedoch wenig für seine Bemühungen – vielmehr galt es doch über seine Schönheits-OPs, sein Äußeres im Allgemeinen oder aber über die „Babybaumel-Affäre“, bei der er sein mittlerweile drittes Kind, den von einer unbekannten Leihmutter ausgetragenen Sohn Prince Michael II., genannt Blanket, im Berliner Adlon aus dem Fenster gehalten hatte, zu berichten. Als er dann auch noch dem englischen Journalisten Martin Bashir zwecks einer intimen Dokumentation ungehinderten Zugang zu seinem Privatleben gewährte, unterlief ihm der wohl ärgerlichste aller Fehler. Bashir, der sich zunächst Michaels Vertrauen erschlich, nutzte dieses im Nachhinein schamlos aus, denn das Endprodukt war der heimtückische, verdrehte TV-Film „Living with Michael Jackson“, in dem Jackson als irrer, sich dumm stellender Psychopath hingestellt wurde, der nur sich die Hände reibend auf seine nächsten kleinen Opfer warten würde. Jackson selbst entlarvte den Film als boshaft und verlogen – doch es war bereits zu spät. Bashir hatte ihn Händchen haltend mit einem angeblich krebskranken Jungen gefilmt, dessen Familie nur allzu gerne bereit war, einen alten Bekannten, Staatsanwalt Tom Sneddon, bei seinem zweiten Feldzug gegen das immer noch frei umherlaufende „Monster“ zu unterstützen. Am 18. November 2003 durchsuchten 70 Ermittler der Staatsanwaltschaft Los Angeles die Räume von „Neverland“ erneut.


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

Dieses Mal war es die Familie des Jungen, der sich in Bashirs Doku mit treudoofem, entrückten Blick wie ein Schosshund an Michaels Schulter lehnte: der damals 13-jährige Gavin Arvizo, der sich zuvor vom großzügigen Künstler eine Krebsbehandlung zahlen und sich nach „Neverland“ einladen liess, um die Heilung zu erleichtern. Die entweder naive oder aber raffgierige und ruhmsüchtige Mutter des Jungen hatte jedenfalls nichts dagegen, dass ihr Sohn bei dem in Verruf geratenen Star übernachtete. Gavin fiel dann in der Schule durch sonderbares Verhalten auf, worauf der ihn betreuende Therapeut hinterher aussagte, dass es möglicherweise auf „Neverland“ zu einem Missbrauch des Jungen gekommen sei, bei dem auch Alkohol und Tabletten mit im Spiel gewesen sein könnten. Erneut wurde Michael Jackson wegen Kindesmissbrauch angezeigt, verhaftet und schliesslich wieder auf Kaution freigelassen. Der Prozess – zu welchem es dieses Mal tatsächlich kam – begann erst Anfang 2005. Das Interesse der Medien war gigantisch und es folgten Bilder des „King of Pop“, die man lieber gar nicht erst gesehen hätte: Michael in Handschellen; wie er mit Blaulicht wegen eines erlittenen Schwächeanfalls abtransportiert wurde; wie er als ungepflegter, gebrochener Mann im Pyjama vor Gericht erschien und wie er wegen eines angeblichen Spinnenbisses in den Zeh um Vertagung bat. Es herrschte ein Klima der Vorverurteilung und im Geiste sah man Staatsanwalt Sneddon, wie er sich schon grinsend die Hände reibt, bereit für den Dolchstoss mitten ins Herz des Angeklagten. Obwohl es sich als unmöglich erwies, zwölf Menschen für die Jury zu finden, die Michael Jackson NICHT kannten, erfolgte schliesslich aus Mangel an Beweisen am 13. Juni 2005 der Freispruch in allen zwölf Anklagepunkten. Zwar frei, aber dennoch endgültig gebrochen, kehrte Michael in die Trümmer seines Lebens und seiner Karriere zurück. Er kehrte seinem Königreich „Neverland“ für immer den Rücken und verschwand zunächst aus der Öffentlichkeit, bis er Ende 2008 in Los Angeles in einem Studio gesehen wurde, wo er angeblich an einem Berg neuer selbst geschriebener und komponierter Lieder arbeiten würde. Am 05. März 2009 stand er dann abgemagert mit langer schwarzer „etwas“ unecht wirkender Haarpracht lächelnd in London an einem kleinen Rednerpult und sprach wie der Messias höchstpersönlich mit fester Stimme zu seinen überglücklichen Anhängern, dass es den grossen Michael Jackson ein allerletztes Mal für insgesamt 10 Konzerte auf der Bühne zu erleben gilt: „This is it! I just want to say these will be my final show performances in London. This is it and when i say this is it, this is it!“ Ein kurzes Winken in Richtung der Untertanen und nach drei Minuten war der wie eine Erscheinung Wirkende auch schon wieder verschwunden. Es blieb der Jubel der vor Glück taumelnden Fans vor dem leeren Rednerpult zurück. Mit seinem Verlassen der Pressekonferenz begannen auch gleichzeitig die Wetten, dass Jackson zu den Shows nicht antreten oder diese zumindest nicht durchhalten würde. Die Shows sollten das dringend benötigte Geld in die Kassen spülen, nach eigenen Aussagen war er weder psychisch noch physisch in optimaler Verfassung – so musste wohl bei den Gesundheitsfragen vor Abschluss der Versicherung der 10 Konzerte ein wenig „gepfuscht“ worden sein, denn gemäss dem Abschlussbericht hiess es komischerweise, dass der Künstler „fit wie ein Turnschuh“ sei -, vor allem aber sollten sie ihn als den einzig wahren „King of Pop“ rehabilitieren. Die Sensation war kaum verkündet, da waren auch schon sage und schreibe 360.000 Fans für die Tickets registriert – die Londoner O2-Arena fasst 17.000 Leute. Das Comeback wurde folglich vom Veranstalter zum Jahrhundert-Ereignis aufgeblasen und den angekündigten 10 Shows wurden mal eben 40 weitere angehängt. In Rekordzeit fanden 750.000 Tickets ihre Abnehmer. Wegen offiziell organisatorischer und sicherheitstechnischer Bedenken wurde das Auftaktkonzert auf den 13. Mai 2009 und weitere drei Termine auf März 2010 verschoben – dass Michael dazu noch betonte, dass nicht er, sondern sein Management diesen Konzert-Marathon veranlasst hatte, ging dabei genauso unter, wie seine Äußerung, dass er nicht sicher sei, die komplette Konzertreihe zu schaffen. Ob er wusste warum?


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

In der Tierwelt gibt es niedere Kreaturen, dessen einziger Lebenszweck darin besteht, sich parasitär von einem königlichen Kadaver zu ernähren. Von dem im Laufe der Jahre angereicherten Fleisch- und Knochenberg des verstorbenen Kadavers leben sie dann über Monate, manchmal sogar auch Jahre, gierig und schmarotzend an seiner Seite. Michael Jackson war so ein überdimensionaler königlicher Kadaver, der langsam immer tiefer herab sank und auf diesem Weg von vielen heuchlerischen Aasfressern begleitet wurde. Wie die Parasiten umkreisten sie ihn, warteten nur auf die Gelegenheit, grosse Stücke von dem Hilflosen und Geschwächten abzureißen. Jeder nahm nur, wollte nur, verlangte nur, erwartete nur – und Michael gab, von allem für alle. Allen voran der eigene Vater Joseph, gefolgt von Anwälten, Managern, Veranstaltern, sogenannte „Freunde“, Ankläger, Lügner, Pressevertreter und so viele mehr. Jeder von ihnen kann sich nun aussuchen, welche Rolle er als „niedere Kreatur“ übernehmen möchte. Für einen jedoch findet sich keine passende Beschreibung – der von ihm getragene Titel „Arzt“ ist jedenfalls alles andere als passend: Dr. Conrad Murray, Jacksons Leibarzt, gegen den mittlerweile eine Anklage wegen Totschlags anhängig ist, verpasste seinem abhängigen Patienten das außerhalb eines OP-Saals verbotene starke Narkosemittel Propofol, aus dessen Narkose dieser schliesslich nie wieder erwachen sollte. Am 25. Juni 2009 setzte der kolossale, königliche und noch viel zu junge Kadaver sanft auf dem Grund auf. Er hinterlässt vor allem seine drei Kinder, die nicht Michael Jackson, den „King of Pop“, sondern einfach nur ihren geliebten „Daddy“ vermissen. Jedes Leben auf dieser Erde hat seinen Sinn und muss dementsprechend „vollzogen“ werden. Das Leben des Michael Jackson – wer, ausser ihm, hätte es leben können? Wer hätte es leben wollen? Auch wenn er polarisierte – es zeichnete ihn immer aus, dass er ein ordentlich talentierter Mann war, der die Gabe hatte, Musik zu kreieren, die man auf der ganzen Welt liebt. Er hätte in bestimmten Situationen mehr auf sein Talent vertrauen sollen, denn es ist mehr als alles andere dafür verantwortlich, dass er über zwanzig Jahre lang ein Mega-Star war. Vor schlimmen, vernichtenden Dingen ist Niemand gefeit, sie können Jedem widerfahren, dazu muss man nicht Michael Jackson heissen – das sei vor allem denjenigen gesagt, die sich ihren Beifall durch dumme, naive Witze auf Kosten anderer ergattern wollen. Der größte Teil der Menschen kannte Michael und sein Privatleben nicht persönlich und mit jeder seiner zahlreichen „Macken“ nahmen dann auch noch deren altkluge Sprüche immer mehr zu. Wir möchten Michael Jackson, dem „King of Pop“, dem „Jungen, der nie erwachsen werden wollte“, dem Star mit dem grossen Herz, der sich für kranke und leidende Kinder ohne Geiz und selbstlos einsetzte und dem liebenswerten Menschen, der so gern lachte und die kleinen Dinge in seinem Leben als grössten Reichtum ansah, heute, an dem Tag, an dem er 51 Jahre alt geworden wäre, gedenken – vor allem für das, was ihn wirklich ausmachte, was er dieser Welt hinterlässt und womit er Millionen Menschen weltweit begeisterte: seine Musik!

Quelle: Wikipedia, Bildquelle: Youtube, Wikipedia


Tribute to a Legend: Michael Jackson – Even the sky isn’t his limit

 

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