Sid Vicious ( Sex Pistols)– Le enfant terrible des Punk

Sid Vicious ( Sex Pistols)– Le enfant terrible des Punk

Während seine gleichaltrigen Freunde, Bekannte oder Nachbarn gerade ihren Schulabschluss feierten, ein Studium begannen oder den Einstieg ins Berufsleben wagten, wurde John Simon Ritchie zu Grabe getragen. Während sie in das richtige Leben mit all seinen Rechten und Pflichten eintraten, war seines gelebt und vergangen. Während für all die anderen die Zeit der Abenteuer und Entdeckungen begann, hatte John Simon Ritchie bereits mehr erlebt und erfahren, als sie es sich alle zusammen vielleicht vorstellen konnten.

Sid Vicious ( Sex Pistols)– Le enfant terrible des Punk

John Simon Ritchie, am 10. Mai 1957 in London, England, geboren, starb nur kurze 21 Jahre später, am 02. Februar 1979, fernab der englischen Heimat in New York, USA. Kann denn ein junger Mensch mit einer Lebenserfahrung von gerade mal 21 Jahren schon derart Beeindruckendes hinterlassen haben, dass sich die Nachwelt sogar noch 30 Jahre nach seinem Tod an ihn erinnert? Er kann – John Simon Ritchie ist dies gelungen, wenngleich auch unter dem Pseudonym Sid Vicious. Bevor jedoch die Verwandlung zum „enfant terrible“ des Punk schließlich perfekt war, wuchs der kleine John Simon unter der Obhut seiner Mutter, Anne Beverly, ohne seinen leiblichen Vater auf. Mit der Hoffnung im Gepäck, dass dieser sich Frau und Kind bald anschließen würde, zog Anne mit ihrem Sohn zunächst für kurze Zeit auf die balearische Insel Ibiza. Die Zeit verging, der Vater glänzte mit Abwesenheit und nicht nur der Junge wuchs Tag für Tag, sondern auch der Schuldenberg der extravaganten Mutter. So folgte dann die Rückkehr nach London, wo Anne einen Job in einem Jazz-Club in Soho annahm.


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Die Anstrengungen und Herausforderungen als Alleinerziehende, die sich tagsüber um das Wohlergehen des Kindes und nachts um das Verdienen des Unterhalts kümmerte, bedeuteten für Anne eine erschöpfende Qual, sodass sie sich auf diesem Weg wohl durch die Einnahme von Heroin die ersehnte Erleichterung versprach. Mit diesem Hintergrund entwickelte sich John Simon zu einem schüchternen Teenager mit einem Hang zur Selbstzerstörung und einem Faible für Rebellion und Anarchie. Er besuchte unter anderem die Gesamtschule, dann weiterführend die Fachoberschule, bis er schließlich am Hackney-College landete, wo er zwei Semester Fotografie studierte. Zu dieser Zeit keimte gerade die Londoner Punkszene rund um die Boutique „Sex“ von Malcolm McLaren und seiner Freundin Vivienne Westwood in der King´s Road auf. Die Hippiebegeisterung der 68er Jahre steigerte sich Mitte der 70er Jahre ins Unerträgliche und die nachrückende, junge Generation ging dementsprechend genervt gegen dieses „Alles-ist-ok“-Gefühl der Blumenkinder gnadenlos ins Gericht. Allen voran die „Sex Pistols“, vier britische Haudegen, die dem gesamten Establishment mit Freude den blanken Hintern zeigten und mit ihrem Schlachtruf „No Future“ eine ganze Generation prägten. Auch John Simon Ritchie tauchte in Londons Underground-Szene ein und gründete im September 1976 gemeinsam mit Susan Dallion (Siouxsie), Steve Bailey (Severin) und Marco Perroni die „Siouxsie & The Banshees“. John Simon agierte am Schlagzeug und als Band brachten sie eine seltsame Mystik und Eleganz in die Punk-Bewegung. Der New Wave-Sound dieser Typen mit den bunten Haaren, Nietenlederjacken und Irokesenschnitten sollte die Musik-Szene der 80er Jahre nachhaltig beeinflussen. „Siouxsie & The Banshees“ feierten 1976 beim legendären „100 Club Punk-Festival“ in London ihren nicht minder legendären Debütauftritt – der allerdings auch ihr einziger und letzter in dieser Besetzung sein sollte, da sich die Band schon wenig später wieder auflöste. Ganz im Gegensatz dazu erging es den „Sex Pistols“, d.h. Gitarrist Steve Jones, Bassist Glen Matlock, Schlagzeuger Paul Cook und Sänger John Lydon, den auf Grund seiner schlechten Zähne alle nur „Rotten“ nennen, die am 08. Oktober 1976 ihren ersten Plattenvertrag bei EMI unterzeichneten und die Verwandlung ihrer Debütsingle „Anarchy in the UK“ zum Klassiker des Punks feierten. Im Februar 1977 verließ Glen Matlock wegen ständiger Querelen mit John „Rotten“ die Punk-Band. Malcolm McLaren, Manager der „Sex Pistols“, sah in John Simon Ritchie wohl vom ersten Moment an etwas ganz Besonderes und Außergewöhnliches. Der junge Brite wandelte als der personifizierte Punkrock schlechthin durch diese Welt und wäre obendrein das absolut passende Gegenstück zum flippigen, rasenden Sänger Johnny „Rotten“. McLaren war sofort bewusst, dass er ihn in der Band haben musste. Die Tatsache, dass John Simon zwar das passende Image vertrat, als Bassist jedoch nur rudimentäre Kenntnisse vorzuweisen hatte, war der einzige Haken an der ganzen Überlegung. Dennoch gingen sowohl McLaren, die Bandmitglieder, als auch John Simon selber, dieses Wagnis miteinander ein, frei nach dem Motto, aus der Not eine Tugend zu machen. Wer sonst sollte sich schon darum kümmern, ob sie musikalische Fähigkeiten besitzen, wenn sie selbst dies nicht einmal taten? Ihre misstönenden Lieder betonten die Rebellion gegen den musikalischen Sachverstand und die mangelnde, musikalische Fähigkeit des Bassisten verstärkte diese Message eigentlich nur noch mehr. So zupfte der eigentlich für die Gitarre zuständige Steve Jones während der Studio-Aufnahmen die Saiten des Basses und bei ihren Live-Auftritten wurde kurzerhand der Verstärker für den Bass einfach heruntergefahren.


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Die Rechnung ging auf: John Simon Ritchie, der sich fortan Sid Vicious nannte (sein Künstlername ging angeblich auf den Namen von „Rottens“ Hamster zurück) und sich nicht am Komponieren der kontroversen Songs, für welche die Band berühmt wurde, beteiligte, trug mit seinem anarchistischen, gewalttätigen Verhalten und dem dazu passenden chaotischen Lebensstil im Wesentlichen zum Image der „Sex Pistols“ bei. In neuer Besetzung erschien noch im selben Jahr das Debütalbum „Nevermind The Bollocks Here´s The Sex Pistols“, welches im Oktober zum großen Ärgernis so mancher braver Briten und dazu noch trotz des Boykotts vieler Plattenläden an die Spitze der Charts wanderte. Trotz ihrer großen, loyalen Fangemeinde entsprachen diese Musiker nicht unbedingt dem Geschmack des britischen Establishments, was kurzerhand ein offizielles Auftrittsverbot nach sich zog, da man sich zu sehr vor Gewaltausschreitungen und Vandalismus seitens der Fans fürchtete. Im Januar 1978 wagten die Briten den Sprung über den großen Teich in die USA für eine Tour von insgesamt acht Shows. Der letzte Auftritt dieser Tour, zu welchem die meisten Zuschauer kamen und die dann die bei weitem schlechteste Leistung seitens der Band geboten bekamen, fand im Winterland Ballroom in San Francisco statt. Die Nerven der Bandmitglieder waren angespannt, der Konsum von Rauschgift stieg stetig an und Johnny „Rotten“ war total genervt von der Richtung, die die Band mittlerweile einschlug. Die Menge fragend: „Hattet Ihr jemals das Gefühl, betrogen worden zu sein?“ beendete er schließlich das Konzert und trat am nächsten Tag aus der Band aus, die sich daraufhin auflöste. Die „Sex Pistols“ waren damit Geschichte. Es gibt Momente oder Begegnungen im Leben eines jeden Menschen, die für den weiteren Verlauf und die Gestaltung des zukünftigen Lebenslaufes ausschlaggebend sind und entweder einen positiven oder negativen Einfluss ausüben.


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Im Leben von Sid Vicious hieß diese Begegnung Nancy Spungen und dieser Moment des Aufeinandertreffens besiegelte bereits den weiteren tragischen Verlauf seines ohnehin schon grenzwertigen Weges. Im November 1977, bereits noch in der Zeit, in der die „Sex Pistols“ musikalisch aktiv waren, lernte Vicious die eigensinnige Amerikanerin, die den selbstzerstörerischen Lebensstil der Punk-Bewegung ebenso gut verkörperte wie er, in London kennen. Aus diesem Aufeinandertreffen entwickelte sich recht schnell eine einerseits innige und tiefe, andererseits aber auch oft von körperlicher Gewalt geprägte, Liebesbeziehung. Sie wurde zu seiner Geliebten, besten Freundin und ständigen Begleiterin, mit einem übermächtigen Einfluss auf Sid, was zum Teil mit zum Bruch der „Sex Pistols“ beigetragen hatte. Nancy war übergroß, sie war überall und Vicious war ihr hörig. Selbst auf das anfängliche Bitten von Johnny „Rotten“, sich dringlichst von Nancy fernzuhalten, reagierte Sid mit tauben Ohren. Dabei war die Begegnung alles andere als zufällig, denn die junge Dame trat ihre Reise von Amerika nach England aus purer Berechnung an. Ihr erklärtes Ziel: Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als sich einen von den vier „Sex Pistols“ zu angeln. Dass es ausgerechnet Sid traf, war wohl reiner Zufall, oder aber die Tatsache, dass er für die heroinsüchtige Szenegängerin eine „leichte Beute“ war. Der bis dahin vollbrachte Lebenslauf der Nancy Spungen war beeindruckend einseitig: Im Februar 1958 in Philadelphia, USA, geboren, regierte Klein Nancy von Anbeginn durch lautes Schreien und grausame Trotzanfälle ihre Umgebung. Ihr erstes Beruhigungsmittel bekam sie im Alter von 3 Monaten verabreicht; mit 4 Jahren besuchte sie erstmals einen Psychiater; 11-jährig ging sie mit einem Hammer bewaffnet auf ihre Mutter los, weil diese sich weigerte, ihre Tochter zu einem Museum zu fahren. Ihre Gewaltbereitschaft und Tobsuchtsanfälle äußerten sich durch wilde Randale im Kinderzimmer; häufig hörte man sie zu sich selbst sagen: „Ich will sterben.“ Im Alter von 13 Jahren experimentierte sie mit Rauschgift, und zwei Jahre später war sie dann heroinabhängig, was ihr unkontrolliertes Verhalten noch verstärkte und ihr somit seitens der Ärzte, die sich schließlich weigerten, sie zu behandeln, Schizophrenie diagnostiziert wurde.


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Nancy war 17 Jahre alt, als ihre vom Leid geplagten Eltern sie baten, zu Hause auszuziehen. Darüber hinaus finanzierte sich die mittlerweile platin-blonde Nancy ihre Sucht, indem sie als Prostituierte arbeitete. Kein Wunder also, dass selbst Mutter Anne gegen diese Beziehung ihres Sohnes war, da sie Nancy für Sid´s Neigung zum Heroin verantwortlich machte. Pamela Rooke, eine damalige Freundin von Sid, zählte sich ebenfalls zu den vielen Nancy-Gegnern: „Sie war einer der unsympathischsten Menschen, den ich je getroffen habe. (…) Jeder konnte durch sie hindurch sehen – außer Sid.“ All diejenigen, die Nancy längst durchschauten, nannten sie fortan nur noch „Brechmittel Nancy“. Das Paar jedoch schien sich bestens zu ergänzen, indem Vicious in seiner herrischen Nancy eine Art Mutterersatz fand und Nancy jemanden hatte, der herumkommandiert werden wollte und konnte. Sid Vicious schien auf nichts und niemanden mehr Wert zu legen und alles zu hassen – alles außer Heroin und Nancy. Für Viele stand fest, dass sie es war, die ihn zum Heroin verleitete, denn in der New Yorker Szene war diese Droge wesentlich früher entdeckt und beliebt geworden, als in der Londoner Punkszene, die sich eher auf den Konsum von Speed konzentrierte. Nach der Trennung der „Sex Pistols“ zog Sid mit Nancy nach New York. Als neue Residenz wählten sie das berühmte „Chelsea Hotel“ in Manhattan, dem in früheren Zeiten der Ruf als ein Heiligtum für ernste Künstler und Musiker, wie unter anderem Eugene O´Neill, Jane Fonda, Janis Joplin und Bob Dylan, nachgesagt wurde. Das Paar schrieb sich als angeblich verheiratet mit „Mr. und Mrs. John Ritchie“ ein. Gleich zu Beginn steckten sie in einem Rausch die Matratze in ihrem ursprünglichen Zimmer in Brand, sodass ihnen schließlich das berüchtigte Zimmer Nr. 100 zugewiesen wurde. Auch hier dauerte es nicht lange, bis die Verwüstung und Verwahrlosung Einzug erhielt. Mit 10.000 US-Dollar in ihren Taschen, die ihnen angeblich Manager McLaren kurz vor ihrer Abreise nach New York übergeben haben soll, gingen sie täglich auf Drogenjagd, wie Heroin oder auch ein seit kurzem für sie interessantes synthetisches Morphium, bestehend aus den Barbitursäurepräparaten Tuinal und Dilaudid. Im Herbst 1978 unternahm Sid Vicious den Versuch, seine Solokarriere mit der Band „Vicious White Kids“ zu starten und Nancy Spungen erklärte sich zu seiner neuen Managerin.


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Sie besorgte ihm einige Gigs im „Max´s Kansas City“, einem populären Rock-Club in Manhattan, die zwar etwas Bargeld einbrachten, dafür aber qualitativ und musikalisch die absolute Katastrophe darstellten. Seine Set-List beinhaltete unter anderem eine qualvolle Version von Frank Sinatra´s „My Way“ – eigentlich ein Erfolgshit. Die Fans kamen, um ein Mitglied der ehemaligen berühmten „Sex Pistols“ zu sehen, stattdessen jedoch präsentierte sich ihnen ein abgewrackter Rauschgiftsüchtiger, der zumeist nicht mal in der Lage war, sich alleine auf den Beinen zu halten. Diese Aufgabe übernahm seine Managerin, die ihn immer wieder hochzog und auf seine Füße stellte. Nancy war überall präsent, auch wenn es darum ging, gegen die Presse vorzugehen und wirklich jedem einen Tritt zu verpassen, der es wagte, ihnen Hilfe anzubieten. Während sie beide immer weiter in Richtung Abgrund torkelten, begannen sie schließlich, zu den von ihnen bevorzugten Stoffen zusätzlich Methadon einzunehmen. Sid gab sich völlig entkräftet selbst auf und zu Nancys ohnehin schon lautstarken Stimmungsschwankungen und gefährlichen Trotzanfällen gesellten sich dann auch noch schmerzende, sich mehr und mehr verschlechternde Nierenbeschwerden. An „guten“ Tagen, wenn sie sich beide dazu in der Lage fühlten sich aufzuraffen, nutzten sie die Energie dafür, sich gegenseitig grün und blau zu schlagen. Nachdem es schon eine Weile her war, dass Nancy ihre Eltern sah, beschloss sie, gemeinsam mit Sid nach Philadelphia zu reisen, um dort den Eltern ihren berühmten Freund vorzustellen. Deborah Spungen, Nancys Mutter, empfand den Begleiter ihrer Tochter überraschend „unterwürfig“ und sie hatte von ihm den Eindruck, „dass er einfach nicht sehr klug war.“ Einige seiner Anmerkungen ließen die Augenbrauen der Eltern in die Höhe schießen, so unter anderem sein Kommentar zum Vorstadthaus der Spungens: „It´s a fucking palace!“


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Wenngleich dieser Besuch auch ohne große Zwischenfälle verlief, so empfand Deborah dennoch, dass die Nancy, die sie zum Abschied umarmte, nicht mehr ihre Tochter war: „Ich fühlte mich, als ob ich eine Fremde hielt.“ Mit dem Zug fuhren Spungen und Vicious wieder zurück nach New York und gingen dort weiterhin ihrer Hauptbeschäftigung, dem Beschaffen von Drogen, nach. So, wie sich ihr physischer Zustand verschlechterte, so stand es auch um ihre Beziehung. Die Handgreiflichkeiten und Aggressivitäten gegeneinander nahmen immer mehr zu. So schlug Sid seiner Gefährtin einmal mit seiner Gitarre derart heftig gegen den Kiefer, dass diese noch Tage später mit einem großen blauen Fleck umherlief. Laut Aussage eines Freundes der beiden war es nicht das erste Mal, dass Sid seine Gitarre benutzte, um Nancy zu verprügeln. Sie selber fühlte den Schmerz nicht, jedenfalls nicht, solange sie „high“ war. Wahrscheinlich war sie nicht mehr in der Lage, den tatsächlichen Ernst hinter einem solchen Missbrauch zu erkennen, denn in einem Telefongespräch mit ihrer Mutter lachte Nancy lediglich über diese Vorgänge. Obwohl Vicious bereits eine Sammlung mit diversen Messern besaß, verspürte er das Bedürfnis, eine noch größere Waffe im Kampf gegen die Kriminellen auf der Straße besitzen zu müssen und Nancy stillte sein Bedürfnis. Am Mittwoch, den 11. Oktober 1978 kaufte sie in einem Geschäft am Times Square ein 5-zölliges, einklappbares Jagdmesser mit einem in den Griff geschnitzten Jaguar darauf und schenkte es ihrem britischen Freund. Ungefähr gegen 21:45 Uhr schaute das Paar im Zimmer 119 des „Chelsea Hotels“ vorbei, wo ihre Freunde „Neon“ Leon Webster und Cathi O´Rourke lebten. „Neon“ Leon empfand seinen Freund Vicious an diesem Abend als sehr mutlos, denn er fuchtelte mit seinem neuen Messer vor seinem Gesicht herum und murmelte: „Ich habe kein Selbstbewusstsein mehr. Ich bin hässlich. Ich kann nicht Bass spielen.“


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Nancy, die ihre geschätzte Sammlung mit Ausschnitten von Berichten über die „Sex Pistols“ sowie Sid´s geliebte Lederjacke mitgebracht hatte, fragte „Neon“ Leon, ob er sich dieser Sachen annehmen könnte. In den Ausschnitten blätternd träumte Sid von der Vergangenheit und schwärmte, wie gut und gepflegt er da doch noch ausgesehen habe. Nancy verspottete ihn und forderte ihn auf, mit dem Messergefuchtel aufzuhören. Sie spannte ihren Arm und sagte: „Fühl mal meine Muskeln. Ich bin stark. Ich habe Sid aus dem Restaurant getragen. Ich kann ihn tragen, aber er kann mich nicht tragen.“ Ungefähr um Mitternacht trennten sich die Freunde, wobei Vicious sein Messer zunächst auf dem Bett in Zimmer 119 vergaß und Nancy schließlich zurückkehrte, um es Sid wiederzubringen. Um 02:30 Uhr klingelte das Telefon in der Wohnung des Punkrock-Friseurs Rockets Redglare in Queens. Es war Nancy, die ihn dringend bat, ihr „D-4s“ (der Straßenname für Dilaudid) sowie Injektionsnadeln vorbei zu bringen. Fünfzehn Minuten später stand Rockets Redglare mit leeren Händen vor Vicious und Spungen und teilte mit, dass es ihm nicht möglich gewesen sei, „D-4s“ zu besorgen. Zusammengesackt kauerte Sid auf dem Bett; beide waren sie bereits „high“ vom beruhigend wirkenden Tuinal, welches sie zwar physisch verlangsamt hatte, dennoch aber ihr Verlangen nach Dilaudid, welches sie intravenös zu sich nehmen wollten, nicht stillen konnte.


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Gemäß der Aussage von Redglare war Nancy so verzweifelt, dass sie ihm ihre Handtasche zeigte, hierbei 50 und 100 US-Dollar-Scheine herausfielen und sich auf dem Fußboden ausbreiteten. Sie beteuerte ihm, sogar das Doppelte des Preises bezahlen zu wollen, wenn er ihr nur ihre „D-4s“ besorgen würde. Insgesamt hatte sie in dieser Nacht 1.400 US-Dollar alleinig für die Finanzierung von Rauschgift zur Verfügung. Der sich in seinem Zimmer befindende „Neon“ Leon Webster hörte ungefähr um 04:15 Uhr laute Schläge auf dem Hotelgang. Weitere 30 Minuten später hörte er etwas, „was einen metallischen, zinnernen Ton verursachte und an ein Messer erinnerte“, auf den Boden fallen. Als Rockets Redglare kurz vor 05:00 Uhr das Zimmer von Vicious und Spungen verließ, sah er „Steven C“, den „regelmäßigen Quaalude und Tuinal Dealer“ des Paares, in der Vorhalle des Hotels in den Aufzug einsteigen. Ungefähr zur selben Zeit erreichte die Hotelrezeption ein Anruf aus Zimmer 228 kommend, worin sich über die im unteren Stockwerk herrschende Lautstärke beschwert wurde. Kenny, ein im „Chelsea Hotel“ angestellter Page, erhielt daraufhin vom Empfangschef den Auftrag, dieser Beschwerde nachzugehen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Hierbei stieß Kenny auf Vicious, der durch die Gänge wanderte und Krawall machte. Der dunkelhäutige Kenny kam Vicious, der auf Ärger aus war, gerade recht. Mit rassistischen Worten beschimpfte er den Hotelpagen und forderte diesen geradezu heraus, woraufhin tatsächlich ein Kampf der beiden folgte. Mit blutigem Gesicht auf dem Fußboden liegend, sah Vicious zu Kenny, der im Begriff war, wieder in die Vorhalle zu gehen, herauf und fragte: „Ist das die Art, wie Sie hier mit einem Betrunkenen umgehen?“ Vera Mendelssohn, eine 48-jährige Bildhauerin, bewohnte das Zimmer 102 und wurde um ca. 07:30 Uhr von einem lauten Stöhnen oder Ächzen einer weiblichen „Person, die wohl allein war“, aus dem Schlaf gerissen. Da das Geräusch laut war vermutete Vera, dass es aus dem Zimmer nebenan, Zimmer 100, kommen musste. Es machte ihr Angst und erschreckte sie, sodass sie sich dazu entschloss, im Bett zu bleiben, anstatt aufzustehen und nachzusehen, was genau dort vor sich ging. Als das Stöhnen schließlich ganz aufhörte, schlief Vera auch wieder ein. Einige Stunden später erhielt der sich zu diesem Zeitpunkt im Dienst befindliche Empfangschef Herman Ramos einen anonymen Anruf, der von der Außenseite des Hotels getätigt wurde. Eine männliche Stimme mit einer knappen Information: „Es gibt Schwierigkeiten im Zimmer 100.“ Ramos sandte den Hotelpagen Charles, der inzwischen die Schicht von Kenny übernommen hatte, zwecks Überprüfung zum Zimmer 100. Noch bevor Charles zurückkam, klingelte erneut das Telefon am Empfang, dieser kam nun direkt aus Zimmer 100. Als eine andere männliche Stimme aufgeregt sagte: „Jemand ist krank … Brauche Hilfe.“, rief Ramos umgehend den Krankenwagen. Zur gleichen Zeit traf Charles im Zimmer 100 ein und fand dort im Badezimmer den knapp bekleideten, blutverschmierten Körper einer 20-jährigen, platin-blonden Frau, mit der Gesichtsseite nach oben, unterhalb des Waschbeckens, auf dem Boden liegend, vor. Sie hatte eine Wunde im unteren Bauchbereich, aus der Blut strömte, ebenso war das Bett des Raumes mit Blut befleckt. Mittlerweile traf der Krankenwagen in Begleitung einer Polizeieskorte im „Chelsea Hotel“ ein. Nachdem die medizinischen Rettungskräfte den Tod der jungen Frau bestätigten, überprüfte die Polizei das Zimmer und fand hierbei Rauschgift mit entsprechendem Zubehör sowie ein blutbeschmiertes K-11-Messer, 5-zöllig, mit einem in den Griff geschnitzten Jaguar. Auf dem Gang fanden die Polizisten schließlich einen verstörten Sid Vicious, der schreiend auf und ab lief. In der Hoffnung auf ein aussagekräftiges Verhör hielten sie ihn dort fest, allerdings hatte Vicious zu diesem Zeitpunkt soviel Tuinal „intus“, dass man mit dieser Menge ein Pferd hätte töten können.


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Vera Mendelssohn, die Stunden zuvor von einem lauten Stöhnen aus dem Schlaf gerissen wurde, kam nun auf Grund des Tumultes im Gang aus ihrem Zimmer heraus. Dort sah sie den von Polizisten umringten Vicious, in sehr schlechter Verfassung: „Sein Gesicht sah zerschlagen aus. Er war verzweifelt, schrie und stöhnte „Baby, Baby, Baby“.“ Als Sid seine Nachbarin wahrnahm, sagte er zu ihr: „Ich habe sie getötet … ich kann ohne sie nicht leben.“ Mit tränenerstickter Stimme murmelte er: „Sie muss auf das Messer gefallen sein.“ Vicious, der offensichtlich „high“ war, bemühte sich zunächst, sich dem Zugriff der Polizisten zu widersetzen, musste jedoch schließlich aufgeben und wurde in Handschellen zum Polizeirevier abgeführt. Hier gab er dann eine Erklärung ab und gestand den Mord an seiner Freundin: „Ich tat es, weil ich ein dreckiger Hund bin.“ Was folgte, war die Anklage wegen der Ermordung von Nancy Spungen. Nancy Spungen´s Leiche wurde gegen 17:20 Uhr in einem grünen Leichensack aus dem „Chelsea Hotel“ herausgetragen. Die Nachricht über ihren Tod und die Mordanklage gegen Sid Vicious verbreitete sich unter den jungen, aufsässigen Fans wie ein Lauffeuer. Während des am nächsten Tag stattfindenden Anhörungsverfahrens konnte sich Vicious kaum auf den Beinen halten. Die Verhandlung war bereits nach 10 Minuten beendet, mit dem Ergebnis, dass die Kaution zur Freilassung auf 50.000 US-Dollar festgesetzt wurde. Für Sid ging es bis dahin in die Gefängniseinrichtung Riker´s Island, wo er freiwillig seiner Teilnahme an einem Entzug zustimmte. Er hätte wohl alles getan und allem zugestimmt, um nur schnell wieder freizukommen, denn das Begräbnis von Nancy sollte nicht ohne ihn stattfinden. Verständlich, dass Familie Spungen hierfür kein Verständnis aufbringen konnte und ihn unter keinen Umständen während der Beisetzung ihrer Tochter dabei haben wollte. Ein alter Bekannter, Malcom McLaren, ehemals Manager der „Sex Pistols“, war es schließlich, der sich für Sid und dessen Freilassung einsetzte. Um das Geld für die Kaution aufbringen zu können, ging er zu Virgin Records und trug dort seine Pläne vor, neue Aufnahmen mit Sid Vicious für sie zu machen. Seine Überzeugungskünste müssen sehr gut gewesen sein, denn am 16. Oktober 1978 vertraute ihm die Plattenfirma die Kautionssumme von 50.000 US-Dollar an, um Vicious damit aus dem Gefängnis zu holen. Außerdem beauftragte McLaren eine renommierte Anwaltskanzlei mit der Verteidigung des Briten.


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Auch Mutter Anne Beverly flog einen Tag darauf in die USA, um hier ihrem Sohn nach dessen Freilassung beistehen zu können. Vicious musste nun schon fünf quälende Tage ohne seine Nancy durch das Leben gehen und im Gefängnis hatte er viel Zeit, um nachzudenken, zu trauern und zu planen. Er hatte den Mut und die Lust am Leben verloren und beschloss daher, sich dieses zu nehmen, indem er eine Überdosis Methadon zu sich nahm und sich den Arm aufschlitzte. Es war seine Mutter, die ihn schließlich entdeckte und sofort um Hilfe rief. Mag sein, dass sein Wille da war, von seiner Drogensucht loszukommen, dennoch schaffte Sid es nicht, sich die ihm zugeteilte Menge Methadon vernünftig einzuteilen. Er verbrauchte den Ersatzstoff zu schnell, mit der Folge, dass er unter schmerzhaftem Entzug abwarten musste, bis ihm die nächste Ration zugeteilt wurde. Nur wenige Tage später, am 28. Oktober, folgte der nächste Selbstmordversuch mit Hilfe von Rasierklingen und einer zerbrochenen Glühbirne und dem Ausruf: „Ich will mich Nancy anschließen. Ich habe meinen Teil des Abkommens nicht eingehalten.“ Vicious kam für einige Tage zum Entzug ins Bellevue Hospital und wurde dann, zur großen Sorge seiner Mutter, schließlich wieder entlassen. Ende November 1978 wagte sich eine neue Frau an die Seite von Sid, die Schauspielerin Michelle Robinson, die jedoch in seinem Herzen nicht annähernd den Platz von Nancy Spungen einnehmen konnte. Zusammen stürzten sie sich in die Punkrock-Club-Szene Manhattans und Vicious folgte seinem anstößigen und rebellischen Wesen. Am 09. Dezember kam es in einem Club namens „Hurrah´s“ zu einem Kampf zwischen Sid und Todd Smith, dem Bruder der Rockpoetin Patti Smith. Da Sid das Gesicht seines Gegners mit einer zerbrochenen Flasche bearbeitete, verletzte er damit gegen die Auflagen seiner Strafaussetzung und landete schließlich erneut für sieben weitere Wochen hinter den Mauern von Riker´s Island in der Entzugs-Abteilung. Auf Grund seiner Freilassung am 01. Februar 1979 wurde ein Tag später in Michelle Robinson´s Wohnung ihm zu Ehren eine Party gefeiert, auf der Vicious sofort wieder Kontakt zu seinem engsten „Verbündeten“, dem Heroin, aufnahm. Von seiner Mutter höchstpersönlich bekam der eigentlich „clean“ Entlassene eine sparsam eingeteilte Dosis, was dazu führte, dass er innerhalb von 20 Minuten auf dem Bett ohnmächtig wurde. Auf das anschließende Angebot seiner Freunde, ihn in eine Klinik zu begleiten, ging Sid nicht weiter ein und so wurde er im Schlafzimmer allein gelassen.


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Irgendwann in dieser Nacht wachte er auf, entdeckte den Geldbeutel seiner Mutter und bediente sich an dem sich darin befindlichen Heroin. Sid Vicious wurde am nächsten Morgen tot im Schlafzimmer aufgefunden – er war gerade mal 21 Jahre alt. Bis heute halten sich die Spekulationen hartnäckig, dass Sid nicht über den Tod seiner Freundin Nancy hinweggekommen sei und daher durch eine Überdosis Heroin in den Freitod ging. Anne Beverly, seine Mutter, die 1996 ebenfalls an einer Überdosis Heroin starb, gab hingegen an, ihrem Sohn die tödlich wirkende Dosis verabreicht zu haben, da sie ihn so vor dem sicheren Gefängnis, welches er ihrer Meinung nach nicht überlebt hätte, retten wollte. Nach Sid´s Tod wurde seine Schuld oder Unschuld am Tod von Nancy Spungen gerichtlich nie bestimmt. Unter Freunden und Bekannten war es bekannt, dass Sid und Nancy sich prügelten. Möglicherweise erstach er sie, angetrieben von seiner Wut, in einem Streit? Andererseits sprachen beide häufig davon, sich das Leben zu nehmen und nur wenige Wochen vor ihrem Tod erwähnte Nancy während des Besuches bei ihren Eltern, dass sie wohl nicht lange leben werde. Während eines Selbstmordversuches nach ihrem Tod rief Sid, dass er sich nicht an seinen Teil des Abkommens gehalten habe. Lässt das darauf schließen, dass Nancy und Sid gemeinsam einen Pakt zum Selbstmord abschlossen, er aber auf Grund seines Rausches in jener Nacht nicht mehr dazu in der Lage war, seinem Leben ein Ende zu setzen? Eine weitere Möglichkeit wäre, dass Nancy bei einem Raubüberfall getötet wurde. Rockets Redglare sah, wie eine Menge Bargeld aus Nancys Handtasche auf den Fußboden fiel, als sie ihn anflehte, ihr die gewünschten Drogen zu besorgen. Als die Polizei jedoch am nächsten Tag das Hotelzimmer durchsuchte, fanden sie im ganzen Raum keine beträchtliche Summe Bargeld. Könnte vielleicht „Steven C“, der lokale Dealer, dem eine gewisse „Geisteskrankheit“ nachgesagt wurde und der in jener Nacht von Redglare am Aufzug in der Vorhalle des „Chelsea Hotels“ gesehen wurde, der Täter gewesen sein? Ging er, oder vielleicht eine andere Person, in das Zimmer 100 mit der Absicht, Nancy das Geld – vielleicht sogar im Kampf – zu entwenden, während Sid „high“ war oder auf dem Gang Krawall machte? Die wahren Umstände des Todes von Nancy Spungen werden wohl niemals aufgedeckt werden. Und selbst wenn die Wände des Zimmers 100 im „Chelsea Hotel“ sprechen könnten, würden sie dann dieses große Geheimnis preisgeben? Was bleibt sind Spekulationen, Vermutungen und Einschätzungen. Johnny „Rotten“, der ehemalige Sänger der „Sex Pistols“, glaubte nie an die Schuld von Vicious: Sid wäre nicht fähig gewesen, sie zu töten. (…) Das ist nicht möglich.“ Angeblich streute Anne Beverly die Asche ihres Sohnes auf dem Grab von Nancy Spungen aus. Sid Vicious und Nancy Spungen – ihre tragische Liebe und ihr tragischer Tod werden unvergessen bleiben.


Sid Vicious ( Sex Pistols)– Le enfant terrible des Punk

Gemeinsam bilden sie den Stoff, aus dem Tragödien sind: Ihre kurze, konfliktreiche Beziehung wurde 1986 unter dem Titel „Sid und Nancy“ verfilmt. Wenn sein Leben auch zu kurz, zu unbürgerlich und zu verkorkst gewesen sein mag, so blieb John Simon Ritchie, auch als Sid Vicious, sich, seiner Einstellung und seinem Hang zur Selbstzerstörung sein kurzes Leben lang treu. Für seine Fans war Vicious die Verkörperung der Punkrock-Philosophie: aggressiv, nihilistisch, grob und beleidigend in sämtlichen Situationen. Durch sein Äußeres trug er seine innere Überzeugung nach außen: gefärbte, hochgestellte Haare, spindeldürre Gestalt, x-beinige Haltung, schwarze Motorrad-Lederjacke, dicke Ketten mitsamt Vorhängeschloss um den Hals. Die Einnahme von Drogen, zerlumpte Kleidung, Sicherheitsnadeln als Gesichtspiercings, im Elend leben und nie mehr als einen Dollar für etwas bezahlen – all das war nicht lediglich das gewählte Leben, es war ein Teil des Punkrock-Ethos. Sid Vicious war Punkrock und Punkrock bedeutete die Entgegenstellung von zivilisierten Mittelstandswerten. Nicht zuletzt aber machte ihn sein dramatischer Abgang zur Punkikone schlecht hin.

Quelle: Wikipedia, Bildquelle: Youtube, Wikipedia

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SID VICIOUS- DER TRAILER

 

 


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