Michael Hutchence – „IN eXceSs“ bis in den Tod

Michael Hutchence – „IN eXceSs“ bis in den Tod

„Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben.“ – Mit diesen knappen Worten beschrieb der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) einst den Tod, der seine Opfer zwar auf den verschiedensten Wegen, aber immer sinnlos zu sich bittet. Ob erlösend, urplötzlich, grausam, gewollt oder viel zu früh – der Tod kommt immer im falschen Moment und hinterlässt ein Meer voller Tränen, Schmerzen und Erinnerungen. Unsere Rubrik „Rocklegenden“ ist erfüllt von diesen dramatischen, aufwühlenden und traurigen Geschichten, in denen der Tod die Regie übernahm und uns über das Ableben großartiger Künstler, denen die Welt einst zu Füßen lag, berichtet. Auch diese ist eine jener tragisch-glamourösen Rockstar-Geschichten, die wie so viele glorreich beginnt und schicksalhaft sowie viel zu früh endet. Es ist bestürzend, dass ausgerechnet Michael Kelland John Hutchence die Hauptfigur darin ist. Am 22. Januar 1960 füllten sich im Mater Misericordiae Hospital, North Sydney, NSW, Australien die Lungen des kleinen Michael zum allerersten Mal mit Atem. Aus ihnen sollten zukünftig mit unverwechselbarer Stimmgewalt zahlreiche Songs erklingen, die weltweit bekannt und geliebt zugleich sein würden. Zunächst jedoch wurde das Neugeborene von seinen stolzen Eltern Patricia und Kelland Hutchence in sein Zuhause, dem komfortablen Familienhäuschen in der Howell Avenue, Lane Cove in Sydney, gebracht, welches schon im Jahr 1926 von seinen Großeltern väterlicherseits entworfen und gebaut wurde. Der Großvater war einst ein Kapitän, der sich 1922 einer australischen Schifffahrtsgesellschaft anschloss, und so mit seiner Familie den Umzug von England nach Australien auf sich nahm. Fortan sollte das selbst errichtete Haus in Lane Cove das Zuhause für nachfolgende Generationen werden und sich schließlich auch für Patricia und Kelland, die sich im Jahr 1959 das Ja-Wort gaben, mit zahlreichen schönen Erinnerungen füllen. Nachdem Kellands Vater 1957 verstarb und seine Mutter im Alter von 65 Jahren noch einmal heiratete und daher zu ihrem neuen Ehemann nach Mona Vale nördlich von Sydney zog, übernahm das junge Ehepaar den alten Familiensitz, in dem schließlich die lauten Schreie, die vorsichtigen Schritte und die noch unsicheren Wörter des ersten gemeinsamen Kindes, dazu noch eines Sohnes, folgen sollten. Die Eltern hatten viel Freude an ihrem kleinen Michael. Er war ein reizendes Baby mit einer liebevollen Natur, das stets lächelte, kicherte und auch sonst keinerlei Schwierigkeiten bereitete. Als Michael vier Jahre alt war zog er mit seinen Eltern sowie seinem damals zwei Jahre alten Bruder Rhett und seiner damals 15-jährigen Halbschwester Tina nach Hong Kong, da sein Vater dort eine Stelle bei einer großen australischen Handelsgesellschaft annahm. Die Familie lebte in einem großen Appartement in der Old Peak Road mit einem fantastischen Blick auf den Hafen

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Mit fünf Jahren wurde Michael im Kindergarten der Glenealy School eingeschrieben und auch sein Bruder Rhett folgte ihm bald darauf. Nach Abschluss des Kindergartens besuchten Michael und Rhett die Beacon Hill Primary School, nachdem die Familie in ein Haus in Kowloon Tong umzog, welches sich in der Nähe der Schule befand. Gleich hinter dem Garten des Hauses gab es einen großen Park, in dem sich die Jungs nach der Schule so richtig austoben konnten. Nach seiner Teilnahme bei den Pfadfindern war Michael darauf konzentriert, seine Schwimmfertigkeiten auszubauen. Er wurde in einem Social-Club eines Ex-Olympia-Schwimmers aufgenommen und erfolgreich trainiert, sodass er sich zu einem wahren Schwimm-Meister mauserte und viele Rennen und Medaillen gewann. Auch sein Bruder zog mit, war ein guter Schwimmer und gewann ebenfalls Titel und Medaillen. Natürlich war der Vater-Sohn-Staffelschwimm-Wettbewerb im USRC-Club für die ganze Familie ein großes Ereignis, als die zwei Söhne gemeinsam mit ihrem Vater den Sieg nach Hause holten. Allerdings endete Michaels so viel versprechend beginnende Schwimmkarriere jäh, als er sich beim Spielen im Park den Ellenbogen brach. Die Eltern bemerkten schnell das wachsende Interesse ihres Sohnes für Poesie und seine musikalische Begabung. Seine Gesangskarriere begann 1968, als Michael acht Jahre alt war und seinen ersten Song für einen Spielzeughersteller in Hong Kong aufnahm, da sich dieser auf der Suche nach der Stimme eines kleinen Jungen für das Tonband eines seiner Spielzeuge befand. Die Familie Hutchence verließ Hong Kong 1972 nach acht aufregenden Jahren und zog zurück nach Sydney. Sie kaufte sich ein Haus in Belrose, einer Gartenvorstadt auf einem Plateau, ungefähr zwanzig Kilometer außerhalb Sydneys und nicht weit entfernt von den Stränden im Norden. Michael amüsierte seine Eltern damit, dass er Belrose in „Wursthügel“ umbenannte, da die Anwohner dort am Wochenende zahlreiche Grillpartys feierten. Kaum im neuen Zuhause eingelebt, bekamen Rhett und Michael kleine Geländemotorräder von ihrem Vater geschenkt, der seine Söhne daraufhin so ziemlich jedes Wochenende zu den verschiedensten Übungsplätzen fahren musste. Und natürlich waren die Eltern ebenfalls damit beschäftigt, ihre Jungs so oft wie möglich zu und von den Stränden zu chauffieren. Kelland Hutchence und Patricia, welche durch eine zweite Heirat später den Familiennamen Glassop annahm, ließen sich 1976 scheiden und Michael lebte kurzweilig mit seiner Mutter und Halbschwester in Kalifornien, USA. 1977 zog Patricia mit ihrem Sohn jedoch wieder zurück nach Sydney.

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Alles in allem wuchs Michael behütet, geliebt, glücklich und völlig normal auf. Mit seinem Besuch der Killarney Heights High School traf er auf Andrew Farriss, der schon bald mehr als nur ein guter Schulfreund werden sollte. Auch die Familien der beiden Jungs freundeten sich schnell an und so dauerte es nicht lange, bis die Eltern aus den Zimmern der Jungs laute Musik hörten und die eine oder andere Diskussion über diverse Bands und Rock´n´Roll mitverfolgen konnten. Neben anderen Gruppen standen für Michael damals The Rolling Stones und The Beatles hoch im Kurs. In den Garagen der Familien begannen Michael und die Farriss-Brüder Andrew (Keyboard, Gitarre), Tim (Gitarre) und Jon (Schlagzeug) selbst Musik zu spielen und kurz darauf schlossen sich ihnen auch Kirk Pengilly (Gitarre, Saxophon) und Garry Gary Beers (Bass) an. Nachdem die Jungs dann zur Davidson High School in Belrose wechselten, konzentrierten sie sich ernsthaft darauf, eine richtige Band aufzubauen. Unter dem Namen „The Farriss Brothers“ hatten sie bald ihre ersten Auftritte in kleinen Clubs. Ihren ersten offiziellen Auftritt als Band hatten sie am 16. August 1977 in Whale Beach, 40 km nördlich von Sydney. Das war der Anfang eines unglaublichen Weges von spannenden Ereignissen, die Michael und seine Kollegen bis zum Schulabschluss begleiteten und sie zu Auftritten in größeren Clubs rund um Sydney, samt den Vorstädten, führten. Michael und Andrew schrieben und komponierten ihre Songs selbst, das heißt Andrew komponierte und Michael verfasste die Songtexte. Jahre später schrieb Andrew seinen eigenen Erfolg als Songschreiber „dem Genie“ von Michael zu. Die Aufregung – und auch der Stolz – war sehr groß, als Michael sein Foto das erste Mal in den Zeitschriften und Magazinen entdeckte. „The Farriss Brothers“ waren bereits zu dieser Zeit heiß begehrt. In einem alten, günstig gekauften Mini-Transporter reiste die junge Band durch Australien, sie durchquerten die Wüste und fuhren auf den Straßen bis nach Perth im Westen Australiens, wo die Farriss-Eltern – samt Nesthäkchen Jon, der noch die High School besuchte – nach ihrem Umzug von Sydney nun lebten. Hier arbeiteten sie hart, probten ständig, feilten an ihrem Auftreten und schrieben natürlich noch mehr Musik. Auch ihre Auftritte, die sie in den entfernten Bergwerk-Städten im Nordwesten gaben, kamen dabei nicht zu kurz. Michael berichtete seinem Vater sehr oft darüber, wie kostbar all diese Erfahrungen für ihn seien, da sie ihn reifer machten und wie viel ihm die aufwendige Arbeit und das ständige Lernen bezüglich der Musik, der er sich aufrichtig widmete, bedeutete. Jahre später las Kelland Hutchence noch einmal den Brief seines Sohnes, in dem er ihm erzählte, pro Woche 150 AUD (Australische Dollar) zu verdienen und wie ihm Andrews Vater als Bürge zur Seite stand, als er sich 2.000 AUD lieh, um weiteres Equipment kaufen zu können. In dem Brief bat er seinen Vater auch darum, ihm etwas Geld auf sein Konto in Sydney zu überweisen, da er finanziell mehr schlecht als recht über die Runden kam. Die Szene rund um Perth konnte die Band zwischenzeitlich für sich begeistern, und so stand schließlich der Entschluss fest, weitere Städte Australiens zu bereisen und nach Melbourne zu fliegen, um dort das Glück zu versuchen. Mit ihrer Musik waren sie höchst erfolgreich und die Aufmerksamkeit der Medien, die Michael als „die neue Stimme des Rock“ betitelten, wurde größer und größer. Die Zeiten der kleinen Clubs waren vorbei, „The Farriss Brothers“ spielten nun in großen Hallen. Zurück in Sydney, es war das Jahr 1979, tauften sie auch ihren Bandnamen um: INXS war geboren. Ihren ersten Auftritt mit neuem Bandnamen hatten sie am 01. September 1979 im Oceanview Hotel in Toukley. Im Mai 1980 kam ihre erste Single „Simple Simon“ / „We Are The Vegetables“ heraus. Mit der Unterzeichnung des ersten Plattenvertrages sowie der Veröffentlichung des Debüt-Albums „INXS“ im Oktober 1980 ging für Michael und seine Jungs ein hart erarbeiteter Traum in Erfüllung. Der erste Hit in der Heimat war „Just Keep Walking“. Ihre Songs und kraftvollen Live-Shows zogen das Publikum in ihren Bann, was der Band recht bald treue Fans bescherte. In ganz Australien feierten sie einen einmaligen Erfolg und erreichten die Spitze der Charts. Ihr charakteristischer Sound bestand aus Elementen von Funk und New Wave. Michaels kraftvolle Stimme entging keinem Ohr und sein Äußeres ließ kein Frauenherz kalt.

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In ihm vereinten sich sagenhaftes Charisma und ein wahrhaft verzaubernder Sex-Appeal. Für den Rock-Historiker Ian McFarlane war „Hutchence der Urtyp des Rock-Stars. Mit seinen wallenden Locken, seinen geschmeidigen und überschwänglichen Bewegungen strahlte er auf der Bühne männliche Coolness und puren Sex aus.“ Zahlreiche seiner Fans sahen in ihm sogar etwas von dem legendären Jim Morrison. Das zweite Album „Underneath The Colours“ stand bei den australischen Fans ebenfalls hoch im Kurs. Laut Michael wurde „ein Großteil der Lieder von „Underneath the Colours“ in einem relativ kurzen Zeitraum geschrieben. Die meisten Bands schaudern bei dem Gedanken, für das erste Album 20 Jahre zu benötigen und das zweite Album dann in vier Tagen fertig zu stellen. Für uns aber war es gut, denn es ließ uns weniger Freiraum, auf jede Art von Meinungsverschiedenheiten abzugehen.“ Nach Beendigung der Aufnahmen gingen die Band-Mitglieder kurzzeitig anderen Projekten nach. Auf dem von Don Walker (Cold Chisel) geschriebenen Soundtrack des Films „Freedom“ (1982) von Scott Hicks („Shine“) performte Michael die Songs „Speed Kills“ und „Forest Theme“. „Speed Kills“ war seine erste Solo-Single, die 1982 von WEA veröffentlicht wurde. Seinem Vater eröffnete Michael eines Tages, dass er mit Andrew in die USA reisen werde, um dort Kontakt mit den richtigen Leuten aufzunehmen, die ihnen dabei helfen könnten, weltweit erfolgreich zu werden. Später sollte es sich zeigen, dass die USA dabei nur der erste Halt waren. Ihr erstes US-Album nannte sich „Shabooh Shoobah“ und wurde 1983 veröffentlicht. Hierauf enthalten waren die Hits „The One Thing“ und „Don´t Change“.

 

Bei den Countdown Music And Video Awards im Mai 1984 räumte INXS sieben Awards – darunter in der Kategorie „Best Songwriter“ für Michael und Andrew sowie „Most Popular Male“ für Michael – ab. Im Rahmen der von Bob Geldof organisierten Benefiz-Veranstaltung „Live Aid“ spielten INXS im Juli beim „Oz for Africa“-Konzert fünf Lieder. Zwei ihrer Darbietungen, „What You Need“ und „Don´t Change“, wurden von BBC übertragen und sind ebenfalls auf der im Jahr 2004 veröffentlichten „Live Aid“-DVD-Box enthalten. Nachdem die Jungs ihr viertes Album „The Swing“ (1984) aufgenommen hatten, veröffentlichte WEA im März 1985 die australische Version von „Dekadance“ als limitierte Kassetten-Ausgabe mit nur sechs Songs, inklusive Remixes aus dem Album. Auf dieser Kassette befand sich auch eine Coverversion des Hits „Jackson“ von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood. Hutchence sang dieses Stück im Duett mit Jenny Morris, der Background-Sängerin zu den „The Swing“-Aufnahmen. In den Kent Music Report Album-Charts erreichte die Ausgabe den zweiten Platz. Ebenfalls 1985 arbeitete Michael als Background-Sänger mit der New Wave Band „Beargarden“ für den Song „Sixty Perfect Windows“ zusammen. In der amerikanischen Musikszene trat INXS genau zur rechten Zeit, nämlich während der ansteigenden Popularität der Musik-Videos, auf den Plan. Nach den vielen Auszeichnungen bekamen ihre Video-Clips auf MTV viel Sendezeit, was ihrer Karriere natürlich alles andere als schadete. Im Gegenteil, die Hits von damals kamen von den Australiern und hießen „Original Sin“, „What You Need“ und „Listen Like Thieves“. Michaels Vater bewunderte die einzigartige Ausstrahlung seines Sohnes, der zuversichtlich, überzeugt, einfallsreich und geschäftstüchtig zugleich war. Das andauernde, harte Dazulernen, samt all seinen Höhen und Tiefen, hatte sich ausgezahlt. Michael, Andrew und die anderen Bandmitglieder wurden zunächst in den USA und Kanada sowie später auch in Großbritannien und ganz Europa extrem populär. Motiviert breiteten sie ihre Flügel noch weiter aus und tourten später mit wunderbaren Ergebnissen durch fernere Länder wie Japan, Argentinien und Brasilien. Die Band hatte es geschafft. Sie konnte sich weltweit als eine der größten Rock-Bands etablieren. Mit den „Live Aid“-Auftritten, bei denen INXS die einzige australische Band war, reihten sie sich mühelos in die Liste populärer Bands und Kollegen wie unter anderem U2 ein. Obwohl andere Gruppen zu diesem Zeitpunkt zwar mehr Alben verkauften, so waren die Australier jedoch die einzige Band, die ihre Präsenz in den USA konsequent und dauerhaft aufrechterhalten konnte. Für weitere australische Bands wie Midnight Oil, Crowded House oder The Church diente der großartige Durchbruch von INXS als enormer Antrieb. Doch für Michael und den Rest der Truppe war das noch nicht genug. Mit ihrem fünften Album „Listen Like Thieves“ belegten sie 1985 Platz 11 der Billboard-Charts. Nach Abschluss ihrer neun Monate dauernden Tour machten sie sich direkt an die Arbeiten zu ihrem nächsten Album. Über ein Jahr lang schrieben sie neue Songs, erarbeiteten Image und Videos und planten eine neue Tour sowie die Promotion. Jeder einzelne arbeitsreiche Tag des vergangenen Jahres sollte sich für die Musiker auszahlen. Im Oktober 1987 wurde „Kick“ veröffentlicht und allein die Verkaufszahlen von über fünf Millionen Exemplaren sprechen für den Abschluss eines gelungenen, sensationellen Werkes: Platz 1 der australischen Charts, Platz 3 der US Billboard Charts 200, Platz 9 in Großbritannien und Platz 15 in Österreich. Während „Devil Inside“, „Never Tear Us Apart“ und „New Sensation“ mit in der Top-Ten vertreten waren und allesamt zu Welthits wurden, erreichte der Song „Need You Tonight“ die Spitze der US-Charts, Platz 2 in den UK-Charts, Platz 3 in Australien und Platz 10 in Frankreich.

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Weniger der Text ist es, der den Song ausmacht. Vielmehr ist es Michaels Art, verspielt flüsternd zu singen, wie ein Tiger, der sich klammheimlich, aber mit unglaublicher Lust, zur nächtlichen Jagd zurückzieht und dennoch genau weiß, dass die Beute irgendwann freiwillig zu ihm kommen wird. Das macht das Lied so unwiderstehlich und Michael so sexy. Im Laufe der Jahre 1987/88 bereiste INXS die Vereinigten Staaten dreimal und Europa zweimal. Das Video für den Song „Mediate“ (welches gleich nach dem Video zu „Need You Tonight“ fertiggestellt wurde) wurde von Richard Lowenstein produziert und imitiert den Stil des Videos von Dylans „Subterranean Homesick Blues“ sogar bis hin zum Gebrauch von anscheinend absichtlich gemachten Fehlern. Im September 1988 gewann die Band mit ihren Videos zu „Need You Tonight / Mediate“ den MTV Video Music Award in fünf Kategorien. Zusammen mit dem kometenhaften Aufstieg der Band lag ein Großteil der Popularität beim charmanten Michael selbst, der von seinen Fans liebevoll „Hutch“ genannt wurde. Der Erfolg forderte jedoch auch von diesem begehrten Sunnyboy seinen Tribut. Zunächst einmal waren Michaels persönliche Beziehungen die erste Katastrophe in seinem sonst so bodenständigen Leben. Hinzu kam mit steigendem Erfolg der enorme Druck, den er von außen zu spüren bekam und wohl auch innerlich selbst aufbaute. Als es im Rahmen der Tournee nach Europa ging, reiste Michael getrennt von seinen Kollegen und „therapierte“ sich selbst mit Drogen wie Kokain, Alkohol und Medikamenten. Das war leicht zu handhaben, denn zwischenzeitlich konnte er sich finanziell so gut wie alles leisten. Wenn „Kick“ aus INXS Superstars machte, dann machte es Michael zu einem Sex-Symbol, einem Rock-Gott und einer international „very important person“. Leider jedoch führten Prügeleien mit Fotografen sowie Hausdurchsuchungen wegen Drogenbesitzes zur Festigung seines Images als unbändiger Rockstar mit einem Leben auf der Überholspur. Allerdings lässt sich nicht jeder „wilde“ Schritt des Sängers als Ergebnis des harten Lebens eines Rockstars erklären. Anfang der 90-ziger Jahre hatte Michael einen schweren Unfall, als er mit Helena Christensen auf dem Fahrrad unterwegs war und mit einem Taxi zusammenstoß, dessen Fahrer ihn daraufhin tätlich angriff. Nach zwei Wochen Aufenthalt in einem Kopenhagener Krankenhaus war er noch nicht vollständig genesen und infolge der starken Kopfverletzungen litt er fortan unter dem großen Verlust seines Geruchssinnes und teilweise auch des Geschmackssinnes. Was nützten ihm die besten Restaurants der Welt, wenn er dessen Kochkünste nicht richtig genießen konnte? Was nützten ihm die exotischsten Aromen dieser Welt, wenn er diese nicht richtig riechen konnte? Der Verlust dieser Sinne führte dazu, dass er zeitweise unter Depressionen litt und sich außerdem das Niveau seiner Aggressionen anhob. INXS-Bandmitglied Beers erzählte, dass Hutchence während der Aufnahmen zu „Full Moon, Dirty Hearts“ im Jahr 1993 auf der Insel Capri ein Messer zog und drohte, seinen Kollegen zu töten. „Im Laufe jener sechs Wochen drohte er sehr viel oder legte sich körperlich mit fast jedem Bandmitglied an.“, so Beers. Der massive Erfolg durch „Kick“ überschritt bald alle Grenzen. Wenn INXS auch nicht von der ganzen Welt ausschließlich geliebt wurde, so wurde die Band jedoch weltweit als ein Symbol für Australiens internationale Präsenz respektiert. Nach der „Kick“-Tour nahmen sich Michael und der Rest der Band eine Auszeit, was jedem die Möglichkeit gab, sich ganz anderen Dingen oder aber eigenen Projekten zu widmen. Michael brachte diese Pause genügend Zeit, um neben John Hurt und Bridget Fonda eine Rolle in dem als US-Horrorthriller deklarierten Film „Frankenstein Unbound“ von Roger Corman zu spielen, welcher allerdings als „müder Reißer“ in die Filmgeschichte einging. Das war aber nicht der erste Ausflug des Sängers in die Filmbranche. Bereits im Jahr 1986 gab er als Hauptfigur „Sam“ in „Dogs in Space“ unter der Regie seines Freundes Richard Lowenstein sein Film-Debut. Er mimte einen Möchtegern-Punk aus der Großstadt mit schlechter Sehkraft, verkommener Moral und fehlendem Interesse an Hygiene. Einige Ereignisse im Film basieren auf wahren Begebenheiten aus Lowenstein´s Leben, der sich gegen Ende der 70-ziger Jahre mit seinem Freund und Sänger der Band „Beargarden“, Sam Sejavka, in Melbourne eine Wohnung teilte.

 

Der Film war eine scharfsinnige Satire auf Rock´n´Roll, wenngleich der Humor – besonders im Charakter von Hutchence – in der breiten Öffentlichkeit etwas verloren ging. Hutch steuerte dem Soundtrack vier Songs bei und veröffentlichte den Song „Rooms For The Memory“ als Solo-Single, die es im Februar 1987 auf Platz 11 der Charts schaffte. Das Lied war eine Coverversion der Punk-Band „Whirlywirld“, in der sich Ollie Olsen befand, und die – genauso wie INXS – im Jahr 1979 im Crystal Ballroom in der Fitzroy Street, St. Kilda, der auch im Film zu sehen ist, auftrat. Gemäß dem Musik-Journalisten und Autor James Cockington drehte sich in „St. Kilda alles um Drogen. Die Fitzroy Street war der Drogen-Hauptsitz von Melbourne, wo auf der Straße offen mit Heroin gehandelt wurde. Michael musste eigentlich gar nicht so sehr schauspielern, um den launischen, rauschgiftsüchtigen Helden des Filmes korrekt zu portraitieren.“ Musikalisch ging Michael ebenfalls Solopfade bzw. anderen Projekten nach. 1989 nahm er zusammen mit Ollie Olsen das Album „Max Q“ auf. Ebenfalls an der Zusammenarbeit beteiligt waren Mitglieder aus Ollies ehemaligen Bands, beispielsweise „Whirlywirld“, „No“ und „Orchestra of Skin and Bone“. Neben dem Album „Max Q“ veröffentlichten sie drei Singles, „Way of the World“, „Sometimes“ und „Monday Night by Satellite“. Zwar erregte das Album keine große Aufmerksamkeit, dennoch war Michael glücklich wie nie zuvor. Der größte Teil des Albums wurde in einem Studio in Sydney aufgenommen und Michael genoss seinen Freiraum in der Zusammenarbeit mit Olsen, sodass er buchstäblich eine ganz neue Atmosphäre in sich aufsaugte. Er entdeckte in seiner Musik die dunklere Seite und gemeinsam mit Olsen kreierte er „eines der innovativsten Dance Music Alben des Jahrzehnts“. Der größte Teil der Musik wurde von Michael geschrieben, der eine „außergewöhnliche Leistung erbrachte und die bedeutendste Erklärung präsentierte, die er jemals abgeben sollte“. Ab den späten 1980er Jahren lebte Michael zum größten Teil in Großbritannien. 1990 versammelten sich Hutchence, die Farriss Brüder, Beers und Pengilly wieder, um mit „X“ eines ihrer schwierigsten Alben aufzunehmen. „Um ehrlich zu sein waren die ersten Wochen ziemlich hart für uns.“, gab Michael damals zu. „INXS saß zwar nicht einfach Händchen haltend rum, aber andererseits waren wir einfach nur sehr, sehr glücklich zusammen rumzuhängen und gemeinsam so weit gegangen zu sein.“ An den enormen Erfolg seines Vorgängers „Kick“ konnte „X“ zwar nicht anknüpfen, dennoch verkaufte sich die LP mehrere Millionen Mal. In den Album-Charts erreichte es einen passablen 5. Platz und enthielt außerdem die Top-Ten Hits „Disappear“ und „Suicide Blonde“. Letzteres Stück erreichte Platz 2 in Australien und Platz 11 in Großbritannien. Die Idee zu dem Lied entstand nach dem Besuch der Premiere zu Kylie Minogues Film „The Delinquents“, in welchem sie mit einer platinblonden Perücke zu sehen ist. Gemeinsam mit Andrew Farriss schrieb Michael den Song, nachdem Kylie das Wort „suicide blonde“ benutzte, um ihren Look im Film zu beschreiben. Hutchence behauptete einst, dass die „verdorbene Kylie“ sein Lieblingszeitvertreib gewesen sei. Ebenfalls gefreut haben dürfte er sich über seine Auszeichnung als „Bester Internationaler Künstler“ bei den Brit Awards 1991, bei denen INXS außerdem den dazu gehörenden Award als „Beste Internationale Band“ mit nach Hause nehmen konnte. Nach der Veröffentlichung von „X“ folgte eine fast einjährige Welttournee. Während die Gruppe in den USA weniger Erfolg hatte als zuvor, fand sie in Europa – besonders in Großbritannien – großen Anklang und spielte in ausverkauften Stadien.

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Mit dem neuen Trend des aufkommenden Grunge geriet das im August 1992 folgende Album „Welcome To Wherever You Are“ mit seinem Stil musikalisch in Seenot. Auch das Management in der Heimat passte sich den harten Regeln der Musikindustrie mehr und mehr in tonangebender Weise an und wetzte bereits das Messer der Finanzen. Anstatt mit einer Tour, wurde ihr neues Werk in Sydney im Rahmen eines Benefiz-Konzertes zu Gunsten des St. Vincent´s Hospital vorgestellt, was über 600.000 AUD einbrachte. Da die erwünschten Resultate mit einem 16. Platz in den US-Charts jedoch weit hinter dem Ziel zurückblieben, kamen auch die frisch geschliffenen Klingen des Managements in Form von Druck und hohen Anforderungen zum Vorschein. Zwar war die Lage in den USA angespannt, in England jedoch erhielten sie die beste Kritik ihrer Karriere. Und „X“ machte auch sonst eine gar nicht mal so schlechte Figur: Platz 1 in England und Schweden, Platz 2 in Australien und der Schweiz sowie Platz 3 in Norwegen. Für INXS war es eine schwierige Zeit, doch das starke Engagement konnte nichts erschüttern, was die Tatsache beweist, dass schon im darauf folgenden Jahr 1993 das nächste Album „Full Moon, Dirty Hearts“ nachgeschoben wurde. Es war, als gäben sie alles und blieben dennoch irgendwo zwischen dem Alten und dem Neuen hängen. Speziell in den USA wollte sich der kommerzielle Erfolg mit diesem Album einfach nicht einstellen. Das letzte und gleichzeitig auch offiziell zehnte INXS-Album „Elegantly Wasted“ (1997) litt zwar unter seinem einfallslosem Cover, inhaltlich aber präsentierte es musikalische Kostbarkeiten wie unter anderem die seelenvolle Ballade „Searching“. Viele Stimmen wurden damals laut, die meinten, dass INXS das Haltbarkeitsdatum längst überschritten habe. Bei den BRIT Awards übergab Michael der Band „Oasis“ den Award für die „Beste Britische Band“, woraufhin diese jedoch noch auf der Bühne entgegneten: „Gewesene sollten keine Preise an Werdende übergeben“.

Michael fand diesen Kommentar alles andere als witzig und ärgerte sich selbst noch am nächsten Tag im Studio darüber. INXS besaß zwar schon einige Narben, trug diese jedoch mit dem größten Stolz und sah man ihre Live-Shows im Januar 1997 oder hörte man sich ihr letztes Album mehr als nur einmal an, so blieb am Ende wieder die Überzeugung, dass die Band immer noch großartige Arbeit ablieferte. Vor dem tragischen 22. November 1997 erreichten die Verkäufe von „Elegantly Wasted“ nahezu eine Million Exemplare weltweit. Was die Fans bekamen und was die Band ausmachte, das waren 20 Jahre INXS und 20 Jahre dieselben sechs Männer, die kein bisschen müde wirkten, sich selbst und ihrer Arbeit treu blieben und ihre Passion ernst nahmen. Über die gesamten zwei Jahrzehnte erhielten sie ihre große Popularität und zogen stets riesige Massen begeisterter Fans in den Bann ihrer Shows, in denen „Hutch“ auf der Bühne zu einer wahren Legende wurde. Sein Vater sprach einst von seinem Besuch des Wembley-Konzertes und erinnerte sich daran, wie stolz er war, „seinen“ Michael dort oben nicht nur als den großen Rockstar und Musiker zu erleben, sondern auch als seinen Erstgeborenen, einen wundervollen Mann, der in seinem Leben viele Höhen und Tiefen zu meistern hatte, der niemals aufgab und trotz seines Erfolges keine hohen Ansprüche hatte. Er sah einen Mann, der sich immer um das Wohl der anderen sorgte und so viel von sich gab, besonders für jene, die es am meisten brauchten. Seine Familie und enge Freunde betonen immer wieder, dass Michael sehr introvertiert und das Gegenteil von dem war, wie er sich auf der Bühne präsentierte. Der langjährige Freund Gary Lilley beschreibt den Sänger genauer: „Ich erinnere mich an so vieles von Michael und daran, wie er wirklich war. Auch als die ganze Welt über INXS zu reden begann, blieb er ruhig und gefasst. Hinter der Bühne fand man ihn immer zurückgezogen in einer ruhigen Ecke, wie er den anderen interessiert zuhörte. Er nahm sich immer so viel Zeit für uns. (…) Unsere langjährige Loyalität rechnete er uns hoch an. Er setzte andere Menschen immer höher als sich selbst und stellte immer wieder sicher, dass es den anderen noch vor ihm gut geht.“

 

In seinem Wesen war Michael Hutchence ein schüchterner Mensch, der sich gern hinter seinen langen Locken versteckte und leise sprach. Er mochte es nicht, wenn man in seine Privatsphäre eindrang, wehrte sich jedoch dagegen, sich zu sehr vom echten Leben abzukapseln. Er wollte sich trotz seiner Bekanntheit jederzeit die Möglichkeit bewahren, eine Bar in einem Nachtclub zu besuchen und dort mit irgendjemandem zu sprechen. Obwohl seine Popularität wuchs, blieb sein Ego ausgeglichen und sein Wesen sich selbst treu. Michael, der seit seiner Teenagerzeit in einer Rockband lebte, war sehr autodidaktisch und hatte eine große Gier danach, zu wissen, was um ihn herum passierte. Er war sehr belesen und interessierte sich für verschiedenste Künste oder Literaturen. Im Gegensatz zu manch anderen Berühmtheiten wusste er, wie man sich in einer großen Menge zu benehmen hatte. Er war einladend und aufrichtig interessiert – die üblichen oberflächlichen Diskussionen und Floskeln über all die Nebensächlichkeiten und unwichtigen Dinge faszinierten ihn wenig. Jenny Morris, seine Duett-Partnerin im Song „Jackson“, sagte später: „Der Grund, warum jeder Michael liebte, war seine Art, wie er mit den Menschen umging. Während eines Gespräches war er konzentriert und schaute dir in die Augen, als wären deine Worte das Wichtigste der Welt. Er schaute sich nie um, um zu sehen, welcher der Anwesenden in dem Raum interessanter sein könnte. Egal ob Junge oder Mädchen, alt oder jung, schwarz oder blau – er gab Jedem das Gefühl, ganz besonders zu sein. Ich verzweifelte jedes Mal, wenn ich neue Werbefotos von ihm sah, weil er nie lächelte. Er wollte diesen typisch düsteren und ernsten Gesichtsausdruck eines Rockstars zeigen und dennoch war er im wahren Leben so anders. Er war stets bereit für einen guten Witz und brachte die Leute selbst in weniger guten Zeiten gerne zum Lachen.“ Eine, die es ganz genau wissen muss, ist seine Halbschwester Tina: „Michael war ein sorgender, liebevoller Bruder. Er hatte ein großes Herz und wollte jeden erfreuen. Bei seinem Versuch, jeden glücklich zu machen, stellte er seine eigenen Wünsche leider immer in den Hintergrund und packte sie auf die „To-do“-Liste für den nächsten Tag. Das Unterhaltungsgeschäft kann zäh und bösartig sein und Michael war keine zähe Person. Er war eine gute Seele. Bei kleinen, aufrichtigen Geschichten schmolz er dahin, er liebte gute Literatur und Poesie und hatte besonders große Freude daran, seine Zeit im Garten seiner Villa in Südfrankreich zu verbringen und uns die Landschaft zu zeigen. Michael war ein charmanter Mann. Wenn Michael dich auf einer Party in eine Konversation verwickelte, gab er dir das Gefühl, die einzige Person im Raum zu sein – und das ist in einem Business, in dem die meisten Menschen ihre Umgebung nur betrachten, um zu sehen, wer berühmter sein könnte, sehr selten.

Seine Power lag darin, dir das Gefühl zu geben, du wärst die faszinierendste Person die er jemals getroffen habe. Das war keine Maske, sein Interesse an anderen war aufrichtig. Er hatte diese spezielle Qualität, die den Raum durch seine Anwesenheit erhellte. Ich fühle mich geehrt und glücklich, ihn vom ersten Tag seines Lebens an gekannt zu haben.“ Während also ein Großteil der Rockstars glücklich damit war, ihren eigenen Ruhm und Reichtum zu feiern, schien Michael von der Welt außerhalb seiner Luftblase geradezu besessen zu sein. Und die Außenwelt – insbesondere die der Frauen – war von der Eigenartigkeit und dem Charisma des Musikers mit dem teuflischen Blick in den Augen ebenfalls besessen. Natürlich wollten seine weiblichen Fans darüber auf dem Laufenden sein, welche „Femme Fatale“ in den Genuss kam, den wilden Sänger – zumindest zeitweilig – zu zähmen. Und Michael selbst, auch kein Kostverächter, stillte diese Neugierde, indem er immer wieder in der Begleitung von schönen und berühmten Modells, Sängerinnen und Schauspielerinnen aufkreuzte. Kurze Romanzen hatte er unter anderem mit der „Berlin“-Sängerin Terri Nunn, dem Supermodell Elle MacPherson und der Sängerin Belinda Carlisle. Mit der australischen Popsängerin Kylie Minogue war er von 1989-1991 liiert und lebte von 1991-1994 mit dem dänischen Supermodell Helena Christensen zusammen. Die Beziehung zu Kylie zerbrach, als sie seine Affäre mit Helena entdeckte.

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Später äußerte sich Helena über Michael: „Er war so sehr empfindlich, aber zur gleichen Zeit auch voll von Leben und Charisma. … Er war sehr leidenschaftlich, sehr emotional und reagierte sofort, wenn ihn etwas störte. … Er war immer so echt und ehrlich. Er war nicht jemand, der vorgibt glücklich zu sein, wenn er es nicht auch tatsächlich war.“ Die Meinung, dass ein attraktiver Mann seine Beziehungen ausschließlich mit wunderschönen Amazonen eingeht und natürlich jede extravagante Frau mit den perfekten Modellmaßen wie ein Magnet anzieht, ist weit verbreitet. Was den aufregenden Michael jedoch an Paula Yates faszinierte, wollte sich der großen Masse – auch seinen Eltern – nicht wirklich offenbaren. Paula Yates war 17 Jahre alt, als sie von Wales nach London kam und dort eine Beziehung mit dem Sänger Bob Geldof (Boomtown Rats) einging. 1979 ließ sie sich im Reform Club nackt für Penthouse fotografieren und veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Rockstars in Unterhosen“. Ihre Karriere als Fernsehmoderatorin begann sie im Jahr 1982 mit der Musiksendung „The Tube“ des neu gegründeten Fernsehsenders Channel 4. Wegen ihres unbekümmerten Wesens wurde sie schnell als eines der ganz großen britischen Fernsehtalente gefeiert. Zum Zeitpunkt der ersten Staffel 1982/83 war sie gerade mit ihrer ersten Tochter, Fifi Trixibelle (geb. 1983), schwanger. Britische Konservative störten sich jedoch daran, dass eine Schwangere im Fernsehen moderierte, und so forderten sie öffentlich die Absetzung von Paula, da sie der Meinung waren, dass ihr „dicker Bauch“ ein negatives Beispiel für die Jugendlichen sei und sogar Teenager-Schwangerschaften begünstigen würde. Die wasserstoffblonde Paula mit ihrer quiekenden Stimme und „naiven“ Art polarisierte – entweder man liebte oder hasste sie. Mit ihrer ausgeflippten Art schockierte sie die Reichen und Schönen, in deren Mitte sie sich allerdings gerne sah. Nach achtjähriger Beziehung gaben sich Yates und Geldof 1986 schließlich das Ja-Wort und 1989 kam die zweite Tochter, Peaches Honeyblossom Michelle Charlotte Angel Vanessa, zur Welt. Tochter Nummer 3, Pixie Frou-Frou, folgte ein Jahr darauf. Yates war zu Beginn der 1990er Jahre eine der Moderatorinnen der Frühstücksfernsehshow The Big Breakfast, ebenfalls auf Channel 4. Kein Geringerer als ihr Ehemann selbst war Produzent dieser Show, die nicht in einem Fernsehstudio, sondern in einem ganz normalen Wohnhaus produziert wurde. Die Co-Moderatoren führten im Wohnzimmer sowie im Garten des Hauses durch die Sendung. Paula selbst hatte für ihren Part, welcher sich „In Bed With Paula“ nannte, im oberen Stockwerk des Hauses eine Art Boudoir. Wahlweise mit Bettjäckchen, Spitzennachthemd oder Morgenrock bekleidet lag Paula im Bett und bat die zur Show eingeladenen Gäste, sich für die Dauer des Interviews zu ihr zu gesellen. Bis auf Simon Le Bon, dem Sänger von Duran Duran, der es lieber bei der Bettkante beließ, nahmen alle Gäste diese Einladung brav an und stiegen zu ihr. Waren es männliche Interviewpartner, ließ es sich die Moderatorin natürlich nicht nehmen, das Gespräch durch einen Flirt zu bereichern. Ende 1994 war es dann auch soweit und Michael Hutchence fand sich bei Paula im Bett im Rahmen dieser Show wieder. Michael war gerade damit beschäftigt, sein erstes Solo-Album „Michael Hutchence“ fertigzustellen. Seine Beziehung zu Helena Christensen war soeben in die Brüche gegangen, sodass also nichts gegen die Erneuerung der Freundschaft zu Paula sprach. Yates und Hutchence kannten sich nämlich schon durch ein Interview aus dem Jahr 1985 im Rahmen ihrer Sendung „The Tube“, doch hier – gemeinsam mit ihr im Bett – sprangen wohl die Funken über. Mit ihrer lasziv lässigen Art umgarnte sie den australischen Superstar, der das Gespräch ziemlich nervös, schüchtern, lächelnd und offensichtlich fasziniert hinter sich brachte. Nach dieser Begegnung gingen beide ein Verhältnis miteinander ein, was nicht zuletzt auf Grund der Tatsache, dass es da ja noch Paulas Ehemann Bob gab, für so einige Schlagzeilen in der Boulevardpresse sorgte, und Michael zeitweise dazu veranlasste, handgreiflich gegenüber Fotografen zu werden, die dem Paar neugierig folgten.

 

Am 22. Juli 1996 kam das gemeinsame Töchterchen Heavenly Hiraani Tiger Lily im Bad des Paares zur Welt. Für Michael und Paula war die Geburt im kleinsten, privaten Kreise die intensivste und zweifelsfrei wunderschönste Erfahrung ihres Lebens. Der ungewöhnliche Name der Kleinen resultiert aus der Zusammenstellung von Halbschwester Pixie, die Heavenly aussuchte, Michael, der sich für Hiraani entschied und Paula, die Tiger Lily bevorzugte. Genannt wurde sie allerdings Tiger und Michael beschrieb sie als „genau das, was wir bestellt haben“. Paula befand sich inmitten ihres öffentlich ausgetragenen Scheidungskrieges mit ihrem zwischenzeitlich zum Sir Bob geadelten Noch-Ehemann Geldof. Den drei Töchtern aus dieser Ehe fehlte es zwar niemals an elterlicher Zuneigung, dennoch wurden sie zum Gegenstand dieser Schlammschlacht. Nachdem die Polizei in der gemeinsamen Wohnung von Paula und Michael Opium in einer Bonbonpackung aufstöberte, hielt in Sachen Sorgerecht eindeutig Sir Bob die besseren Karten in den Händen. Während Paula in Michael das Glück ihres Lebens, „Gottes Geschenk an die Frauen“ und einen begnadeten Liebhaber sah, waren ihre Freunde der Ansicht, dass mit ihm auch der Abstieg in ihrem Leben begann, da er sie angeblich an ein Leben voller Alkohol und Drogen gewöhnte. „Hutch“ hingegen war Berichten zufolge so glücklich wie seit Jahren nicht mehr. In Australien waren er und Paula auf der Suche nach einem Haus und angeblich planten sie ihre Hochzeit auf der zu Tahiti gehörenden Pazifikinsel Bora-Bora. Dementiert wurde das jedoch im Jahr 2000 von Michaels Mutter, Patricia Glassop, die in der Talkshow „This Morning“ sagte: „Michael wollte sie nicht heiraten und hat ihr das auch deutlich gesagt.“ Gemeinsam mit ihrer Tochter Tina, die mittlerweile Schorr mit Nachnamen hieß, meinte sie in der Talkshow, dass Michael die ständigen Streitereien mit Paula „deprimiert“ und „verändert“ hätten. Zudem drohte Paula mehrfach damit, sich und die gemeinsame Tochter umzubringen. „In den zweieinhalb Jahren seiner Beziehung mit Paula wurde Michael immer unglücklicher. Es wurde schlimmer und schlimmer.“, so seine Stiefschwester Tina. Die Zeit, durch die das Paar während der Scheidung und dem öffentlich ausgetragenen Sorgerechtsstreit ging, war alles andere als leicht. Michael, der für den Bruch zwischen Yates und Geldof sicherlich ausschlaggebend war, stand unter genauer Beobachtung der Medien. Seine für ihn so unantastbare Privatsphäre wurde zum Gegenstand des Klatsches und er litt sehr unter der Situation. Freunde, die ihn in dieser Zeit trafen, erinnern sich an einen Michael, der nach außen hin zwar glücklich schien, seinen inneren Schmerz aber nicht verstecken konnte und im „Heiligen Bob“ den „leibhaftigen Teufel“ sah. Kurz vor seiner Rückkehr nach Australien traf sich Michael noch mit Quentin Tarantino in den USA und sprach mit ihm über die eventuelle Übernahme einer Filmrolle. Wegen Bandproben kehrte er schließlich nach Sydney zurück, denn INXS stand kurz vor einer großen Welttournee zur Feier ihres 20-jährigen Bandbestehens. So wartete er in Australien auf Paulas für Weihnachten geplante Ankunft. Er wollte ihr nach dem hoffentlich erfolgreichen Ende des Sorgerechtsstreits unterstützend zur Seite stehen. Allerdings lief das Verfahren alles andere als rosig und somit sah es für Paulas baldiges Eintreffen auch nicht sehr gut aus. Laut Paulas Aussage rief Michael sie nachts an und sagte: „Ich liebe Dich. Ich werde Bob anrufen und ihn darum bitten, den Kindern zu erlauben, mit Dir hierher zu kommen.“ Das waren die letzten Worte, die Michael zu Paula sprach.

 

Am Freitag, den 21. November 1997, ging er gemeinsam mit seinem Vater in das beste indische Restaurant Sydneys. Angestellte berichteten, dass Michael einen überaus zufriedenen Eindruck machte, auch wenn er im Verlaufe des Essens seinem Vater einmal intensiv die Hand drückte und sagte: „Mach dir keine Sorgen, Vater.“ Selbst seinem Vater Kelland fiel an seinem Sohn nichts Ungewöhnliches auf, auch wenn er um dessen Sorgen wusste. Nach dem Essen verabschiedete er einen glücklich winkenden Sohn. Mit seiner Ex-Freundin Kym Wilson und deren Freund Andrew Rayment verbrachte Michael später in der Bar des Hotel Ritz-Carlton, wo er zu jener Zeit wohnte, den Abend. Ungefähr gegen 23.30 Uhr gingen sie auf sein Zimmer 524, wo sie zusammen saßen und viel Alkohol tranken. Um ca. 5 Uhr morgens verließen Kym und Andrew das Zimmer. Vermutlich irgendwann im Laufe der weiteren Stunden rief Michael Bob Geldof an und schleuderte diesem Beschimpfungen entgegen: „Deine Kinder hassen Dich, Mann. Ich bin ihr Vater, kleiner Mann. Wann begreifst Du das endlich?“ Gegen 9 Uhr morgens rief er Michelle Bennett, ebenfalls eine seiner Ex-Freudinnen, an, um sie zum Frühstück einzuladen. Da sie nicht zu Hause war, hinterließ er ihr eine Nachricht, woraufhin sich Michelle gleich nach Erhalt zum Hotel Ritz-Carlton aufmachte. Als sie an seine Zimmertür klopfte, antwortete Michael jedoch nicht und so hinterließ sie ihm eine Notiz und verließ das Hotel. Vergeblich warteten auch die anderen fünf INXS-Musiker auf ihren Frontmann beim staatlichen Fernsehsender ABC, um eine Aufzeichnung durchzuführen. Gegen Mittag, um ca. 11.50 Uhr, des 22. November 1997 kam das Dienstmädchen, um das Zimmer zu reinigen. Auch sie bekam auf ihr Klopfen keine Antwort und so betrat sie schließlich den Raum. Sie fand das Zimmer sehr unordentlich mit einer Menge leerer Flaschen und verschreibungspflichtiger Medikamente vor. Und nicht nur das: Hinter der Tür erblickte sie Michaels leblosen Körper. Er war nackt und hatte sich allem Anschein nach mit seinem eigenen Ledergürtel erhängt. Am automatischen Türschloss band er seinen Gürtel mit einem Knoten an die Oberseite der Tür und spannte seinen Kopf vorwärts so eng in die Schlaufe, dass die Schnalle des Gürtels später riss und sein Körper auf dem Fußboden gegenüber der Tür kniend gefunden wurde. Der Schock war groß, es gab keine verdächtigen Hinweise und ein Abschiedsbrief, der auf Selbstmord hätte hindeuten können, wurde ebenfalls nicht gefunden. War es Selbstmord oder gar ein tragischer Unfall während eines Sex-Spielchens? Dieser Frage musste nun nachgegangen werden.

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Vier Stunden nach dem schrecklichen Fund wurde Michaels Körper in den Leichenwagen des Gerichtsmediziners getragen. In einem später erstellten Bericht gab der Gerichtsmediziner Derrick W. Hand an, dass sich für die Theorie eines Unfalls während eines sexuellen Akts keinerlei forensische oder anderweitige Beweise ergeben hätten. Zur Untermauerung seiner Schlussfolgerung „Selbstmord/Tod durch Erhängen“ gab er in seiner Stellungnahme vom 06. Februar 1998 folgende Punkte an:- Michelle Bennett, eine Ex-Freundin des Verstorbenen, erhielt am Morgen des 22. November 1997 von diesem zwei Anrufe. Der erste Anruf war auf dem Anrufbeantworter und der Verstorbene klang „betrunken“. Der zweite Anruf erfolgte gegen 9.54 Uhr. Der Verstorbene begann zu weinen und klang nach Michelle Bennetts Angaben sehr aufgewühlt und verärgert, als er sagte, dass er sie sehen müsse. Sie war daraufhin sehr besorgt und sagte ihm, dass sie sofort kommen würde. Als sie allerdings das Hotelzimmer erreichte, konnte sie ihn weder durch lautes Anklopfen an die Zimmertür noch durch lautes Rufen wachrütteln. Sie schrieb eine Notiz und hinterließ diese an der Rezeption. Michelle Bennett sagte aus, dass der Verstorbene ihr gegenüber niemals irgendwelche Andeutungen bezüglich eines möglichen Selbstmordes machte.

Kelland Hutchence, der Vater des Verstorbenen, speiste mit seinem Sohn am Tag zuvor. Der Verstorbene war in guter Verfassung, schien jedoch hinsichtlich der Ergebnisse des Sorgerechtsstreits in London sehr beunruhigt. Kelland Hutchence konnte keine Anzeichen dafür finden, warum sich sein Sohn sein eigenes Leben hätte nehmen sollen.

 

Kym Wilson und Andrew Rayment befanden sich ab ungefähr 23 Uhr gemeinsam mit dem Verstorbenen auf dessen Zimmer, welches sie am 22. November gegen 5 Uhr morgens verließen. Gemäß Kym Wilson bat der Verstorbene um ihre und Andrew Rayments Unterstützung für den Fall, dass die Anhörung im Sorgerechtsstreit ungünstig verlaufen sollte. Sie beschrieb seine Stimmung als „gehoben, jedoch nachdenklich während des Gespräches über das Gerichtsverfahren“. Alle drei Personen konsumierten während dieser Zeit Alkohol, einschließlich Wodka, Bier und Champagner zusammen mit Cocktails.

 

– Während sich Kym Wilson und Andrew Rayment im Zimmer befanden, rief die persönliche Managerin des Verstorbenen, Martha Troup, aus New York an. Später, um 9.38 Uhr, erhielt diese via Voice-Mail einen Anruf von dem Verstorbenen, in dem er sagte: „Marth, Michael here. I f…ing had enough.“ Martha Troup rief sofort das Hotel an und ließ das Telefon des Verstorbenen durchklingeln. Um 9.50 Uhr erhielt Martha Troup auf ihrem Anrufbeantworter einen weiteren Anruf. Der Verstorbene klang, als sei er von etwas beeinträchtigt und seine Stimme war tief und langsam. Dieser Anruf beunruhigte Martha Troup sehr und sie sprach mit John Martin, dem INXS Tour-Manager, über ihre Sorgen. John Martin berichtete von einer Mitteilung, die er vom Verstorbenen erhielt, indem dieser ihm mitteilte, dass er „nicht mehr zu den Proben erscheinen würde“. Diese waren allerdings sehr wichtig, da es die letzte vor dem Beginn der Tour sein sollten.

 

Paula Yates machte eine Erklärung und stellte Hintergrundinformationen über das Scheidungsverfahren zwischen ihr und Sir Bob Geldof zur Verfügung. Sie gab an, dass sie der Verstorbene am 22. November kurz vor 5.38 Uhr anrief und dieser ihr sagte, dass er dabei war, Geldof zu bitten, die Kinder mit nach Australien kommen zu lassen. Sie sagte ihm, dass das Sorgerechtsverfahren noch nicht abgeschlossen und bis zum 17. Dezember vertagt worden sei, weshalb sie die Kinder nicht mitbringen könne. Paula Yates sagte aus, dass der Verstorbene während des Gespräches „verzweifelt“ klang.

 

Sir Bob Geldof erhielt vom Verstorbenen zwei Anrufe. Der erste erfolgte am 21. November um 18.30 Uhr – Londoner Zeit. Das Gespräch war von kurzer Dauer und Geldof bat den Verstorbenen um einen Rückruf. Den zweiten Anruf erhielt Geldof am 22. November um 5.30 Uhr – Sydney-Zeit. Dieser Anruf dauerte etwas länger. Geldof beschreibt das Verhalten des Verstorbenen als „einschüchternd, beleidigend und drohend“. Gemäß seinem Bericht „bat“ ihn der Verstorbene um Erlaubnis, die Kinder mit nach Australien reisen zu lassen. Während des Gespräches klang der Verstorbene nicht deprimiert. Belinda Brewin, eine Freundin von Paula Yates und Bob Geldof, bestätigt den Inhalt des Gespräches zwischen den beiden. Es liegt ebenfalls eine Behauptung von Gail Coward, einem Bewohner des Nachbarzimmers des Verstorbenen, vor, der an diesem Morgen gegen 5 Uhr eine laute männliche Stimme sowie Kraftausdrücke aus dem Zimmer des Verstorbenen vernahm. Sowohl Belinda Brewin als auch Gail Coward waren demnach Zeugen des Telefonates. Laut Aussage von Patricia Glassop, der Mutter des Verstorbenen, befand sich dieser in einem niedergeschlagenen Zustand. Im Dezember 1995 wurde dem Verstorbenen von Dr. J. Borham, einem in London praktizierenden Arzt, erstmals Prozac verschrieben, um ein vorherrschendes Depressionsproblem zu behandeln. Zuletzt wurde das Medikament am 01. November 1997 verschrieben. Der Verstorbene befragte den Londoner Psychiater, Mark Collins, am 17. Oktober 1997 bezüglich einer geringen Depression, die dieser erfahren hatte. Gemäß dem Arzt gab es bei dem Verstorbenen keinen Hinweis auf Selbstmordabsichten. Eine Analyse des Blutes des Verstorbenen ergab Spuren von Alkohol, Kokain, Prozac und anderen verschreibungspflichtigen Medikamenten

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Im Dezember 1995 wurde dem Verstorbenen von Dr. J. Borham, einem in London praktizierenden Arzt, erstmals Prozac verschrieben, um ein vorherrschendes Depressionsproblem zu behandeln. Zuletzt wurde das Medikament am 01. November 1997 verschrieben. Der Verstorbene befragte den Londoner Psychiater, Mark Collins, am 17. Oktober 1997 bezüglich einer geringen Depression, die dieser erfahren hatte. Gemäß dem Arzt gab es bei dem Verstorbenen keinen Hinweis auf Selbstmordabsichten. Eine Analyse des Blutes des Verstorbenen ergab Spuren von Alkohol, Kokain, Prozac und anderen verschreibungspflichtigen Medikamenten. Unter Berücksichtigung aller gesammelten Beweise gehe ich davon aus, dass der Verstorbene in einem sehr niedergeschlagenen Zustand war und sich am Morgen des 22. November 1997 auf Grund mehrerer Umstände, einschließlich der Beziehung zu Paula Yates und dem Druck des andauernden Streites mit Sir Bob Geldof, sowie unter Beeinträchtigung der sich zu diesem Zeitpunkt in seinem Körper befindlichen Substanzen, das Leben nahm. Ebenso bin ich überzeugt, dass der Tod keiner weiteren formellen amtlichen Untersuchung bedarf, da die Identität des Verstorbenen, das Datum und der Ort des Todes sowie die Todesart und Todesursache klare Aussagen geben und daher die Zeit und Kosten einer amtlichen Untersuchung nicht gerechtfertigen, weshalb auf diese verzichtet wird. Der ganzen Familie von Michael Hutchence möchte ich bezüglich ihres traurigen Verlustes mein aufrichtiges Beileid ausdrücken.

 

Auf amtliche Untersuchung verzichtet.

D.W. Hand – NSW State Coroner – Glebe, 06. Februar 1998.

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Yates und Geldof machten zwar ihre polizeilichen Aussagen bezüglich der geführten Telefonate, jedoch boten sie der Polizei diese Aufzeichnungen nicht freiwillig an. Yates gab zu Protokoll, dass Michael „ängstlich war und nicht eine Minute länger ohne sein Baby leben könne. Er war schrecklich aufgebracht und sagte „Ich weiß nicht, wie ich leben soll, ohne Tiger sehen zu können“.“ Sie behauptete, dass Geldof wiederholt die Äußerung „Vergiß nicht, ich bin über dem Gesetz“ von sich gab, womit er auf seine Einflüsse seit „Live Aid“ anspielte. Die anstehende Tournee wurde natürlich abgesagt und INXS-Managerin Martha Troup ließ verlauten: „Es gibt keine Wörter, um den Verlust eines Menschen wie Michael auszudrücken. Er war eine nennenswert liebe und freundliche Seele, welche die Herzen all jener Menschen berührte, die ihn kannten. Er war ein einzigartiges und konkurrenzloses Talent, das außerordentlich viele Menschen inspirierte. Wir wurden gesegnet, Michael in dieser Welt gehabt zu haben und er wird für immer geliebt und vermisst werden.“ Das offizielle INXS-Statement lautete: „Die Band-Mitglieder von INXS sind über den Verlust ihres lieben Freundes Michael Hutchence zutiefst geschockt. Ihre Liebe und Mitgefühl gehört Michaels Familie. In dieser Zeit der tiefsten Trauer bitten sie die Presse, Höflichkeit und Anstand zu wahren und die Privatsphäre von Michaels beiden Familien so zu respektieren, als wäre es ihre eigene. Zu diesem Zeitpunkt haben sie keine weitere Anmerkung.“ Einen Tag nach Michaels Tod kam Paula in Sydney an. Das Begräbnis fand am 27. November 1997 in der St. Andrews Cathedral in Sydney statt. Paula – die wegen ihrer Anwesenheit in einem tief ausgeschnittenen, schwarzen Minikleid mit aufgenähten Pailletten in die Kritik der britischen Öffentlichkeit geriet – war mit der kleinen Tiger Lily anwesend. Neben seiner Familie waren auch seine Bandkollegen, Freunde und Fans sowie reiche, einflussreiche und berühmte Menschen, unter anderem auch Kylie Minogue, Jason Donovan, die Mitglieder von Midnight Oil und Tom Jones, anwesend. Während der Zeremonie sorgte ein verwirrter Fan für einen obskuren Zwischenfall: Vom Balkon der Kathedrale aus schaute er zu den Anwesenden herunter und schrie: „So hat er es getan, Paula. So starb er.“ Er sprang vom Balkon herunter und hatte eine schwarze, ca. 1,5 Meter lange Schnur mit einem Hundehalsband um seinen Hals hängen. Die Anwesenden schrieen vor Entsetzung und Verärgerung. Auf dem Boden angekommen, nahm ihn sogleich die Polizei in Empfang und entfernte ihn sofort von den Trauernden. 1.800 Menschen wohnten der Beerdigung bei und statt Kirchenlieder wurden Songs von INXS gespielt. Inmitten einer Decke aus blauen Iris´ schmückte eine einzige gelbe Tiger-Lilie Michaels Sarg. Nach der Trauerfeier wurde der Sarg von seinen Bandmitgliedern und seinem jüngeren Bruder Rhett in die Leichenhalle zur Einäscherung getragen, während im Hintergrund „Never Tear Us Apart“ erklang. Während der Einäscherung sang Nick Cave Into My Arms“. Paula flog am nächsten Tag mit einem Drittel seiner Asche zurück nach Großbritannien. Angeblich nähte sie seine Asche in ein kleines, mit Pailletten besetztes, Kissen ein. Die anderen Anteile der Asche gingen an Michaels Mutter und seinen Vater. Kelland Hutchence streute die Asche seines Sohnes später im Hafen von Sydney aus. Die genauen Umstände werden sich wohl niemals klären lassen. Allerdings gehen die Meinungen bis heute auseinander. Die Familie geht davon aus, dass sich Michael nach monatelangem Gebrauch von Antidepressiva schließlich das Leben nahm. Nach Meinung einiger Freunde könnte Paulas Scheidungsverfahren und der immer noch andauernde Streit um das Sorgerecht der drei Töchter, welcher in England und Australien Schlagzeilen machte, möglicherweise zum Selbstmord beigetragen haben. Für andere ist es wahrscheinlich, dass der Druck seiner Berühmtheit und eine Menge Alkohol die Schuld an seinem mysteriösen Tod tragen könnten.

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Rhett Hutchence veröffentlichte 2004 sein Buch „Total XS“, in dem er sogar behauptete, Paula habe einen Tag vor der Beerdigung ein Gramm Heroin in der Kleidung des toten Michael versteckt. Der US Autor Alex Constantine hegte noch wildere Gedanken, denn in seinem Buch „The Covert War Against Rock“ (2000) behauptet er, dass Michael umgebracht worden wäre: „… gemäß dem „Rolling Stone“ wurde Hutchence mit einer gebrochenen Hand, Blutergüssen und Schnittwunden am Körper und einer aufgeplatzten Lippe gefunden und dennoch soll er sich irgendwie mit einem Gürtel an der Tür erhängt haben. Es scheint mir unmöglich, sich mit einer gebrochenen Hand selbst zu erhängen.“ Nun, diese Theorie ist sehr gewagt, auch wenn es verständlich ist, dass viele Menschen nach einem nachvollziehbaren Grund für den unbegreiflichen und plötzlichen Tod des Sängers suchten. Neben einem möglichen Selbstmord geht die Tendenz allerdings auch weiterhin dahin, dass sein Tod doch durch einen tragischen Unfall herbeigeführt sein könnte. Immerhin war Michael für seine sexuelle Unersättlichkeit bekannt, welche Paula übrigens mit ihm teilte. Angeblich fand die Haushälterin von Paula und Michael beim Reinigen Polaroids, auf denen das Paar in derart „komplizierten“ Posen zu sehen war, welche die Haushälterin ungläubig die Augen aufreißen ließ, da diese nicht glauben konnte, dass man die dort abgebildeten Posen überhaupt einnehmen könne. Gemäß Paula gab es in Bezug auf Sex nichts, was Michael nicht hätte ausprobieren wollen. Sie kann sich diesbezüglich keine Grenze vorstellen, außer vielleicht, dass er es nicht mit Tieren „getrieben“ hätte. Auch seine Freunde bestätigten seinen unersättlichen Drang nach Sex, allerdings legen sie alle Wert auf die Betonung, dass Michael nichts Perverses an sich hatte, sondern dass er diesbezüglich lediglich neugierig und ein „Forscher“ gewesen sei. Es liegt daher also auch der Verdacht nahe, dass Michael bei einem seiner Sexspielchen zu weit ging und es somit zu dieser Tragödie kam. Sich auf die am Unfallort vorgefundenen Indizien (den nackten Leichnam, Sperma an den Händen und Beinen des Toten, Aktfotos von Paula sowie nicht zuletzt den gerissenen Ledergürtel) im Zusammenhang mit Paulas „intimen“ Aussagen zu konzentrieren, belegt mehr und mehr den Tod auf Grund einer autoerotischen Asphyxiation (Strangulation), auch wenn es in diesen Fällen allgemein immer schwierig ist, zwischen einem tödlichen autoerotischen Unfall oder Suizid zu unterscheiden. Der Gerichtsmediziner hätte in jedem Fall bescheinigen können, dass es sich um einen „Tod durch Unfall“ handelt, was die Erinnerung und das Andenken an Michael Hutchence eventuell weniger spekulativ beeinflusst hätte.

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Seine Familie wollte jedoch weder von Michaels Vorlieben, noch von einem Unfall bei der Durchführung irgendwelcher sexueller Praktiken etwas wissen, wahrscheinlich weil der selbst bestimmte Tod unter Einfluss von Alkohol und Medikamenten bei all der Tragweite besser zu verkraften war. Paula Yates hingegen weigerte sich bis zuletzt, einen möglichen Selbstmord ihrer großen Liebe zu akzeptieren und so behauptete sie in der Dokumentation „60 Minutes“ auf Channel 4 im Jahr 1999 in einem bezahlten Interview, dass Michaels Tod das Ergebnis einer autoerotischen Erstickung gewesen sei. Sie war überzeugt: „Er hätte mich und Tiger nie alleine gelassen.“ Vielleicht war es aber auch der Sänger selbst, der während eines Schweizer Radio-Interviews bei DRS3 am 28. Juni 1997 – also nur fünf Monate vor seinem Tod – eine versteckte Begründung für seine Tat ablieferte. Auf seine Gefühle und die Nachteile der großen Entfernung zu Tiger Lily während der Tour angesprochen sagte er, dass es „all die kleinen Dinge, wie beispielsweise das Wachsen ihres ersten Zahnes“, sind, die er am meisten vermisst: „Ein Kind zu haben gibt dir eine spezielle Energie. … Und sie möchte – ob sie es nun weiß oder nicht –, dass ich mein Bestes gebe und das Richtige tue, weil es ja schließlich für sie ist. Das muss man im Kopf behalten. … Ich habe mein Baby jetzt seit vier Monaten nicht mehr gesehen. Ich weiß noch nicht einmal, ob sie überhaupt noch weiß, wer ich bin. Das ist sehr schwierig.“ Weiter sagte er, dass er all diejenigen beneide, die einen „9-till-5“-Job haben: „Du verlässt das Haus morgens um 9 Uhr und kannst es kaum erwarten um 5 Uhr abends wieder zurückzukommen.“ Auf die Frage, ob er seine Zukunft als ein Familienvater plane, antwortete er: „Das passt zu mir. Ich habe Kinder immer geliebt. Das ist für mich ganz natürlich. Es ist kein großer Deal.

Viele Leute sehen mich als eine Art Komik-Figur. … Sie denken, dass ich ein Kerl bin, der jede Nacht in den Bars rumhängt und sich in eine Menge Ärger verwickeln lässt. So eine Person bin ich nicht. Das ist nur ein kleiner Teil, den die Presse über mich verbreitet. … Ich wünschte, die Boulevardblätter würden mich schon jetzt vermissen. Aber anscheinend bringe ich denen zuviel Geld. Ich werde recht gut ausgenutzt. Wenn ich nur 10 Prozent von jedem dieser blutigen Artikel bekommen würde. Damit meine ich, dass es eine Frage der Rücksicht ist. Ich glaube noch an die Rücksicht der Menschen. Und ich glaube auch an all das gute Zeug – ich bin ein guter Mensch. Ich liebe meine Familie und ich fühle mich gut damit. Ich glaube wirklich, dass Kinder unsere Zukunft sind. Und ich glaube an das, was ich tue. Ich bin dabei alles zu tun, um sicherzustellen, dass sie (Tiger Lily) eine große Zukunft haben wird. … Männer neigen zu der Ansicht, dass sie entmannt und in die Küche verbannt werden, sobald sie ein Kind haben. Das ist Scheiße. … Ich meine, wenn sie ein Mann sein wollen, dann sollen sie doch mal versuchen für drei Stunden mit sieben Kindern zum Mittagessen zu „Pizza-Hut“ zu gehen. Dann werden wir sehen, wer ein Mann ist! … Intellektueller ausgedrückt meine ich: Den Rock´n´Roll gibt es schon so lange. Er ist eine der letzten Bastionen wie die Hells Angels, die Söldner oder der Krieg. Es gibt ihn immer noch. Der Rock´n´Roll ist eine schrecklich betont männliche Welt. Was ich sagen möchte ist, dass wir versuchen müssen, diesen ganzen Müll runterzudrücken. Ein Mann ist ein Mann. Und das kann Vieles bedeuten. Er soll im Stande sein, ein Kind zu ernähren, stark zu sein und zu leiten. Und nicht so ein Idiot, der für sein Kind nichts zustande bringt, weil er jede Nacht in einer Bar sitzt. … Ein echter Mann zu sein bedeutet wirklich stark zu sein und sein Kind zu führen und es zu lehren klug zu sein. Das ist meine Meinung.“ Hört sich das wirklich nach einem lebensmüden Menschen an?

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Was auch immer in den frühen Morgenstunden des 22. November 1997 dazu führte, dass Michaels Atem für immer erlosch, bleibt Spekulation. Klar ist jedoch, dass sowohl „Insider“ (Familie, Bandmitglieder, Freunde) als auch Fans in aller Welt von der Nachricht seines Todes geschockt waren. U2-Sänger Bono Vox war eng mit Michael befreundet: „Wir flogen gerade von einer Show zur nächsten, als mich jemand anrief und mir von Michaels Tod erzählte. Bis jetzt kann ich nicht beschreiben, was ich empfinde. Ich weiß nicht, ob ich verärgert oder schuldig bin. Ganz besonders bei einem Freund fragt man sich, ob es etwas gab, was man hätte tun können. Ich verstehe es immer noch nicht, denn kurz zuvor hatten wir beide noch ein Gespräch über Selbstmord und diese Dinge und wir beide waren uns darin einig, wie dumm und egoistisch das wäre. Und Hutch war alles andere als egoistisch.“ In Frankreich waren er und Michael Nachbarn und Bono war davon überzeugt, dass ihre unterschiedlichen Charaktere den richtigen Zündstoff für ihre gute Freundschaft ausmachten. „Er war ein netter Kerl, den man gerne um sich hatte. Er war sehr umgänglich, wohingegen ich von mir behaupte, dass ich für andere nicht immer leicht zu ertragen bin. So ergänzten wir uns. Leider haben wir uns lange nicht mehr gesehen, da jeder seiner Arbeit nachging. Ich kann es immer noch nicht verstehen.“ Den möglichen Selbstmord seines Freundes verarbeitete er in dem Song „Stuck in a Moment You Can´t Get Out Of“, der als Intervention für Michael interpretiert wird. Michael Hutchence war sicherlich einer der Letzten im Rock-Business, von dem man einen Selbstmord erwartet hätte. Immerhin war er 16 Monate zuvor erstmals Vater geworden, womit eine völlig neue Aufgabe in sein Leben trat, welche er begeistert und voller Hingabe meisterte. Des Weiteren starb Michael kurz vor Beginn der ausverkauften Australien-Tour, die INXS anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens geplant hatte und deren erstes Konzert am Dienstag südlich von Sydney stattfinden sollte. Offiziell löste sich INXS nie auf, dennoch schien es eine Zeit lang völlig klar, dass es niemals neues Material geben wird, da sie trotz zahlreicher Hits eben hauptsächlich vom Charisma ihres Frontmannes lebten. Das kurz vor Michaels Tod veröffentlichte Album „Elegantly Wasted“ wurde als passabler Abgang akzeptiert. Für die Fans war INXS ohne Michael wie U2 ohne Bono, The Rolling Stones ohne Mick Jagger ode REM ohne Michael Stipe. Den Tod ihres Freundes und Kollegen konnten sie nicht rückgängig machen und da sie Michaels Entscheidung zwar akzeptieren mussten, hierfür jedoch keine Schuld trugen, stand ihnen auch das Recht zu, sich weiterhin ihrer jahrzehntelang verfolgten Passion zu widmen. Allerdings gab es auch die Befürchtung, das mit einem INXS-Neuanfang lediglich ein lauer Aufguss folgen würde, oder dass der in all den Jahren aufgearbeitete gute Ruf mit weit über 30 Millionen verkauften Alben und über 25 Millionen Konzertbesuchern in einem kurzen Augenblick zerstört werden könne. Am 14. November 1998 traten sie das erste Mal seit Michaels Tod anlässlich des 25. Jahrestages von Mushroom Records mit Jimmy Barnes am Mikrofon auf. Zur Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2000 in Sydney lieh der US Sänger Terence Trent D´Arby den Musikern seine kraftvolle Stimme. Im Jahr 2000 trat der frühere „Noiseworks“-Frontmann Jon Stevens in Michaels Fußstapfen. Offiziell schloss er sich jedoch erst zwei Jahre später der Band an. Mit der Single „I Get Up“ landeten die Jungs allerdings nicht gerade einen Hit und so verließ Jon 2003 die Band noch bevor ein neues Album veröffentlicht werden konnte. 2005 war es dann wieder soweit – INXS meldete sich noch einmal zurück. Doch bevor es richtig losgehen konnte, wurde in der groß angelegten CBS Casting-TV-Show „Rock Star: INXS“ unter Tausenden von Bewerbern nach einem Sänger gesucht, der bereit und in der Lage war, den Platz von Michael Hutchence einzunehmen. Durchsetzen konnte sich am Ende J.D. Fortune aus Kanada, der INXS-Gitarrist Tim Farriss auf Anhieb überzeugte: „J.D. wird eine neue Spontaneität in unsere Live-Shows bringen. Er hat die Star-Qualität, die wir suchen, und ist ein sehr guter Textschreiber. Er kann mit uns wachsen. Endlich sind wir wieder eine komplette Band.“ Gleich nach dem Finale der Castingshow begannen in der, bis auf den neuen Sänger, alten Bandbesetzung in Los Angeles die Arbeiten an einem neuen Album. Acht Jahre nach Michaels Tod sollte es also mit dem am 02. Dezember 1995 veröffentlichten Album „Switch“ wieder losgehen. Zwar behielt die Band ihren typischen Sound bei und die stimmliche Nähe zwischen Michael Hutchence und J.D. Fortune war verblüffend, dennoch wurde hiermit ein lediglich solides Pop-Album, jedoch keine Weiterentwicklung und auch kein überragender Neustart geboten. Im Oktober 2010 folgte die Veröffentlichung des Albums „Original Sin“ und sorgte leider ebenfalls nicht für Furore.

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Michaels Solo-Album „Michael Hutchence“, an dem er von 1995 bis drei Tage vor seinem Tod arbeitete, wurde im Oktober 1999 posthum veröffentlicht. Der letzte Song, den er aufnahm war „Possibilities“. Gemeinsam mit verschiedenen Kollegen – Andy Gill („Gang of Four“), Bernard Fowler (Background-Sänger von „The Rolling Stones“), Tim Simenon („Bomb the Bass“) und Danny Saber („Black Grape“) – schrieb und produzierte Michael das Album selbst. Seinen Part in dem Duett „Slide Away“ nahm Bono nach Michaels Tod auf. Noch zu Lebzeiten sprach der am 12.12.2002 auf Grund von Krebs verstorbene Kelland Hutchence auf der Website zum Gedenken an Michael Hutchence darüber, welche große Bedeutung dieses letzte Album seines Sohnes für ihn habe: „Wir alle wissen, dass Michael weltweit einer der höchst angesehenen Rockstars war, aber abgesehen davon war er ein talentierter Musiker, ein Poet, ein Schauspieler, ein guter Koch und ein großer Menschenfreund, der sein großes Interesse, seine Liebe und seine Fürsorge für so viele Menschen auf eine magische Art gab. Sein trauriger Weggang ist etwas, womit ich lernen muss zu leben, aber irgendwie fühle ich immer, dass er nicht weit weg ist – irgendwo, da draußen ganz nah ist er mit einem Lächeln im Gesicht und vermisst uns genauso sehr, wie wir ihn vermissen. Sein Soloalbum ist das beste Denkmal, das wir von unserem großartigen Sohn haben könnten. Es ist der Höhepunkt von vielen Jahren seiner harten und liebenswerten Arbeit. Ich weiß, wie sehr er sich im Laufe der Jahre anstrengte, um dieses Album in die Welt zu setzen. Die Noten, die Texte, der Sound – er bemühte sich, dieses Album genau so vollkommen zu machen, wie es sein Wunsch danach ebenfalls war. Ich glaube aufrichtig, dass er das auch schaffte, denn ich finde es tatsächlich hervorragend und ich hoffe, dass es auch die Menschen so genießen, wie Michael es sich erträumt hat, nämlich als Anerkennung für das, was seine Stimme hervorbringt. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich bei Bono, Andy Gill, Danny Saber, dem Management und den Leuten bei V2 Records sowie bei all den hingebungsvollen Menschen zu bedanken, die Michael dabei halfen, dieses außergewöhnliche Album herzustellen.“ Ebenfalls posthum konnte man Michael noch mal in dem Film „Limp“ (1999) mit einem Kurzauftritt als A&R-Manager einer Plattenfirma sehen. Seine Szene wurde 1996 an einem freien Tag während der Arbeiten an „Elegantly Wasted“ abgedreht. Am 18. Juni 2000 kam das Buch „Just a Man: The Real Michael Hutchence“ von Tina und Patricia heraus. Es wird als eine „ungewöhnliche Biografie“ beschrieben, „welche die Fakten von Michaels jungen Jahren mit einem sehr intimen Einblick in die Gefühle der Autorinnen verbindet.“ F

Für das erschütternde und tatsächliche Ende des letzten großen Rock-Dramas sorgte dann schließlich ausgerechnet Paula Yates. Der Tod ihres Geliebten warf sie völlig aus der Bahn. Sie verfiel in Depressionen und intensivierte ihre Alkohol- und Drogensucht, was auch die Öffentlichkeit miterleben musste, da sie immer öfter und öffentlicher wankte und torkelte. In einem Interview sagte sie: „Als Michael starb, fiel ich von der Klippe. Ich war jenseits der Trauer. Ich war völlig verrückt.“ Mit Michaels Verwandtschaft stand sie im Streit bezüglich des Sorgerechts für Tiger Lily sowie Michaels Erbe. Als sie herausfand, dass über Michaels Nachlass ohne ihre Zustimmung entschieden wurde, war sie völlig außer sich vor Wut. Gemäß der getroffenen Abmachung sollte Paula 400.000 Britische Pfund erhalten, während Tiger Lily die Hälfte des Vermögens ihres Vaters in Höhe von 14 Millionen Britische Pfund zugesprochen bekam. Michaels Familie konnte oder wollte sich nicht mit Paula versöhnen – auch wenn Paula sagte, dass sie kein Interesse an einem Streit habe, da ihre einzige Sorge ausschließlich darin besteht, irgendwie durch den Tag zu kommen. Kelland versuchte, das Sorgerecht für Tiger Lily zu bekommen und behauptete hierfür sogar, dass Michael in Form von einer Erscheinung zu ihm kam und ihm sagte, er solle alles versuchen, um Tiger Lily von Paula weg zu bekommen. Im April 1998 wurde Paula in einer psychiatrischen Klinik behandelt und nur drei Monate später scheiterte ihr Versuch, sich wie Michael zu erhängen. Das Sorgerecht der drei Töchter ging daraufhin gänzlich an Bob Geldof. Ihre Beziehungen zu anderen Männern fielen in die Kategorie „unglücklicher Hilfeschrei“. Zuletzt sah man sie öffentlich an einem Septemberabend des Jahres 2000 um circa 22 Uhr barfuß und verwirrt an einem Kiosk, wo sie bis zu sieben Mal täglich Miniflaschen Wodka kaufte. Diese kippte sie dann wohl auf dem Kopfkissen mit Michaels eingenähter Asche liegend, sinnlos in sich hinein. „Es tröstet mich, dass er da ist.“, sagte sie einst über den Inhalt des Kopfkissens. Als am 16. September 2000 das Telefon in Paulas Wohnung klingelte, ging die kleine Tiger Lily schließlich an den Apparat und sagte der Anruferin: „Ich kann Mami nicht aufwecken.“ Sofort kam die Anruferin, eine Freundin, die einen Schlüssel zur Wohnung besaß, vorbei und sah sich um. Während sie den Notruf wählte, nahm sie die Vierjährige, die „Wach doch auf, Mami“ schluchzte, beiseite. Doch es war zu spät. Paula Yates lag mit gerade einmal 41 Jahren tot im Bett. Neben ihr lagen eine Flasche Wodka, Pillen und laut Scotland Yard „Drogen der Klasse A“ – was wohl soviel wie Heroin bedeutet. Als Todesursache stellte dann auch der Leichenbeschauer eine Überdosis Heroin fest, betonte dabei jedoch, dass es sich nicht um einen Selbstmord, sondern eher um die Folge eines „unvorsichtigen und dummen Umgangs“ mit Heroin gehandelt habe.

 

Dumm war es in jedem Fall, denn immerhin befand sich in jenem Moment lediglich Paulas vierjährige Tochter mit ihr in der Wohnung. Vielleicht ist es für Paula ein kleiner Trost, dass sie – auf der Asche ihres geliebten Michael liegend – an seiner Seite starb. In ihrem Testament verfügte Paula, dass Michaels Eltern niemals das Sorgerecht für ihre Enkeltochter erhalten sollen. Zwar versuchten Tina und Patricia später noch einmal, das Sorgerecht für Tiger Lily zu bekommen, verloren den Sorgerechtsstreit gegen die Familie Geldof jedoch, sodass Tiger Lily seit dem Drogentod ihrer Mutter unter der Obhut von Sir Bob Geldof mit ihren drei Halbschwestern lebt. Der Zeitschrift „Woman´s Day“ gegenüber offenbarte Rhett Hutchence, dass er die offizielle Todesursache des Selbstmordes seines Bruders vor dem Obersten Gericht anfechten wolle, weil er nicht möchte, dass Tiger Lily mit dem Gedanken aufwächst, ihr Vater habe sie absichtlich verlassen. Dies wird wohl auch im Sinne von Paula Yates sein. Der Streit „Geldof vs. Hutchence“ bezüglich Tiger Lily sollte noch kein Ende finden. Bob adoptierte das Mädchen, das nun gegen den Wunsch von Patricia und Tina den Nachnamen Hutchence-Geldof trägt. Patricia äußerte sich 1999 bestürzt darüber, dass Bob ihr seit drei Jahren den Zugang zu ihrer Enkelin verbot: „Es ist grausam und völlig unnötig. Ich verlor meinen Mann (Ross Glassop, Patricias 2. Ehemann) und jetzt sogar noch meine Enkelin, die nicht einmal weiß, dass ihr geliebter Opa gestorben ist. Wir wurden aus dem Leben von Bob Geldof völlig herausgeschnitten.“ An Michaels 50. Geburtstag bat sie Geldof um einen Besuch mit Tiger Lily und sagte, dass sie den Selbstmord ihres Sohnes akzeptiert habe. Als Patricia Glassop am 21. September 2010 im Alter von 84 Jahren nach einer Krankheit starb, war Tiger Lily bei ihrer Beerdigung nicht anwesend, da Geldof fürchtete, dass sie hierdurch unnötig viel Aufmerksamkeit – natürlich gerade seitens der Presse und Medien – über sich ergehen lassen müsse. Rhett Hutchence verkündete daraufhin, dass Bob ihnen seine Anteilnahme bekundete, und dass er mit Tiger Lily gesprochen habe. Er sagte außerdem verständnisvoll, dass es gut war, die mittlerweile 14-Jährige aus den Medien raus zu halten, indem sie der Beerdigung ihrer Großmutter nicht beiwohnte. Heavenly Hiraani Tiger Lily, in deren Genen auch Michael Hutchence weiterlebt, bleibt traurigerweise die letzte Leidtragende des Dramas ihrer Eltern, die ein Leben „IN eXceSs“ – im Überfluss – mit „Sex, Drugs and Rock´n´Roll“ immer inmitten des Scheinwerferlichts führten und die Rechnung hierfür schließlich viel zu früh und völlig sinnlos mit dem Tod bezahlten. Der deutsche Schauspieler und Regisseur Carl-Heinz Schroth (1902-1989) sagte einst: „Die Welt ist ein gedeckter Tisch, von dem man nicht zu früh aufstehen sollte.“ Das gilt wohl auch für Michael Kelland John Hutchence, der von diesem gedeckten Tisch im besten Alter von gerade einmal 37 Jahren aufstand, um nie mehr zurückzukehren.

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Bildquelle: YouTube

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