Düfte gegen das Vergessen

Düfte gegen das Vergessen

Die Kraft ätherischer Öle vermittelt Demenz-Patienten Ruhe, Sicherheit und Wohlbefinden

 

Selbst schwer demente Patienten können sich an ihre Kindheit erinnern – wenn ihnen bestimmte Düfte in die Nase steigen: So ruft Lavendel häufig Erinnerungen an die Mutter oder Großmutter wach, ein paar Tropfen Orangenöl bei der morgendlichen Grundpflege aktivieren und sorgen für gute Laune. Wie eine aktuelle Studie zeigt, profitieren besonders unruhige und ängstliche Demenz-Patienten von aromatherapeutischen Anwendungen. Nach der Inhalation oder Anwendung mit ätherischen Ölen sind sie deutlich entspannter, schlafen besser und haben eine höhere Lebensqualität.

Rose_Marcel_KNJ

Immer mehr Senioreneinrichtungen machen sich die sanfte Unterstützung aus der Natur daher zunutze, um Patienten, Pflegekräften und Angehörigen den Umgang mit der Krankheit zu erleichtern und Abwechslung in den Heimalltag zu bringen. In der erst kürzlich veröffentlichten experimentellen Studie* ging es um die Frage, ob nicht-medikamentöse Therapieansätze einen messbaren Effekt auf die Agitiertheit von Demenz-Patienten haben. Agitation ist eine der häufigsten Begleiterscheinungen von Demenzerkrankungen. Sie zeigt sich in Form unangemessener körperlicher Handlungen (bis hin zur Gewalt) und verbalen Äußerungen. Bislang werden agitierte Demenz-Patienten vor allem mit Antipsychotika behandelt. Da diese Medikamente oft schwere Nebenwirkungen haben, suchen Forscher auf der ganzen Welt seit langem nach sicheren und wirksamen Alternativen.

 

Für die aktuelle Studie wurden in Taiwan knapp 190 Studienteilnehmer aus sechs Einrichtungen untersucht. Bestimmt wurde die Agitiertheit der Patienten mit Hilfe des Cohen-Mansfield Agitation Inventory (CMAI) sowie der Herzfrequenzvariabilität (HFV). Am Ende des Untersuchungszeitraumes zeigte sich, dass sich der Zustand der Patienten durch die aromatherapeutische Behandlung (Einreibung / Massage) gegenüber der weiterhin konventionell behandelten Kontrollgruppe deutlich verbesserte.

 

Duefte1

Düfte helfen, den Heimalltag zu gestalten

In vielen Pflegeeinrichtungen hat sich die Aromatherapie aufgrund der guten Erfahrungen längst als wichtiger Baustein zur Behandlung von Angst und Unruhe bei Demenzpatienten etabliert. Wie aus zahlreichen Untersuchungen bekannt ist, fördern vor allem Lavendel, Orange und Zitronenmelisse – über die Haut oder sanfte Raumbeduftung aufgenommen – die Entspannung, beruhigen Nerven, Herzschlag und Atemfrequenz und sorgen außerdem für einen gesunden Schlaf. Petra Kaufmann, Altenpflegerin im Bereich Geriatrie und Gerontopsychiatrie, schätzt die positiven Effekte ätherischer Öle seit vielen Jahren**. Wie sie weiß, ist die Erkrankung bei vielen Demenz-Patienten bereits weit fortgeschritten, wenn sie in den stationären Bereich einer Pflegeeinrichtung aufgenommen werden.

Blumen blau

Durch den Verlust der eigenen Wohnung sei das Leben der Menschen oft von Unruhe und Ängsten geprägt. „Mit Düften können wir den täglichen Umgang mit diesen Patienten besonders individuell und feinfühlig gestalten.“, berichtet die Pflegepädagogin. „Für mich ist Orangenöl zum Beispiel eine richtige Wunderwaffe. Selbst an dunklen Tagen bringt es die Menschen dazu aufzustehen. Und beim Duft von Lavendel erinnern sich sogar schwerst Demente ganz oft an ihre Kindheit zurück – etwa an ihre Mutter oder Großmütter. Die Wirkung von Kaffeeduft kennen wir alle: Er zeigt an, welche Tageszeit es gerade ist und hilft uns so, den Alltag zu strukturieren.“

KostbarePflanzenoele

Maria M. Kettenring, Deutschlands führende Aromaexpertin, erläutert, wie die Düfte dabei „funktionieren“***: „Die Anwesenheit von (natürlichen) Duftstoffen kann körpereigene Botenstoffe durch einen komplizierten Umwandlungsprozess aussenden, beispielsweise Serotonin, Noradrenalin, Endorphine etc. Diese Stoffe sind dafür verantwortlich, dass wir uns plötzlich aktiviert fühlen. Mit den Inhaltsstoffen der ätherischen Öle wird zusätzlich die körperliche Ebene angesprochen. Lavendel ist in der Fachliteratur etwa bekannt dafür, dass er beruhigend wirkt. Voraussetzung ist allerdings ein echtes ätherisches Lavendelöl, kein Lavandin, Hybride oder gar ein synthetischer Verschnitt.“

 

UeberraschendeStudieMandeln

 

 

Aromapflege und natürlich aromatisierte Räume: Wohlfühl-Ambiente, Pflege-Unterstützung und „duftende“ Visitenkarte

Aromakundlich ausgerichtete Pflegemaßnahmen können durch eine dazu passende natürliche Aromatisierung der Räume unterstützt werden. In zahlreichen Einrichtungen sind Naturduft-Anwendungen schon aktiv in die Betreuungsangebote eingebunden. So beispielsweise im Seniorenzentrum Martha-Maria**** in Lichtenstein-Honau (Baden-Württemberg), wo Gäste und Besucher schon im Foyer mit dem zarten Duft von Orange, Mandarine und Vanille begrüßt werden. Über die feine Aromatisierung der Räume mit 100 Prozent naturreinen ätherischen Ölen ermöglicht die Seniorenresidenz ihren Gästen, Besuchern und Bewohnern ein wohltuendes Dufterlebnis. Durch die desinfizierende, antivirale und antibakterielle Wirkung der ätherischen Öle wird die Raumluft gleichzeitig gereinigt und von unangenehmen Gerüchen befreit.

melisse-01

Im pflegerischen Alltag erwiesen sich die natürlichen Öle nicht nur als unmittelbar wirkungsvoll in der Patientenarbeit, sondern vermitteln insgesamt eine wohltuend-heimelige Atmosphäre, die auch den Pflegeabläufen zugute kommt. Die Bewohner von Martha-Maria können zusätzlich aus einem vielfältigen Betreuungs- und Aktivierungsangebot mit ätherischen Ölen wählen. Das Spektrum reicht von Erinnerungspflege und Biografiearbeit (blumige oder waldige Düfte) über Wohlfühlangebote (entspannende, ausgleichende und angstlösende Düfte) bis hin zu Entspannungs- und Phantasieduftreisen in Wälder, Rosengärten oder auf leuchtende Lavendelfelder. Im pflegerischen Bereich wird Aromatherapie wirkungsvoll gegen Verstimmungen, Schlafstörungen und bei Erschöpfungszuständen eingesetzt. Einen besonderen Stellenwert hat die Arbeit mit ätherischen Ölen auch in der Sterbebegleitung.

Rosa_rosen1

Den Lebensabend in angenehmer Umgebung zu verbringen und sich wie zuhause zu fühlen – dies liegt sowohl Angehörigen als auch Senioren am Herzen, wenn die Entscheidung für eine passende Einrichtung getroffen werden soll. Wohlfühl-Ambiente erfährt hier eine ganz besondere Wichtigkeit: Ein sonnig-heiterer Duft avanciert in Senioreneinrichtungen zur „Visitenkarte“ des Hauses, ein freundlicher Willkommensgruß, der bei allen Beteiligten positiv in Erinnerung bleibt und von Anfang an für Entspannung sorgt. Dass dies gelingt, zeigt eine Hausbefragung der Seniorenresidenz Friedrichsau in Ulm. Wie Rückmeldungen von Heimbewohnern, Personal und Besuchern belegen, wird die dezente, natürliche Beduftung durchweg als angenehm empfunden.

 

Quellen:

*) Yang et al. BMC Complementary and Alternative Medicine (2015) 15:93. DOI 10.1186/s12906-015-0612-9

**) Vgl. Beitrag aus Forum Essenzia 38/2011, Seite 17f. Lesen Sie mehr zum Thema unter http://www.forum-essenzia.org/

***) Vgl. abacus. Colours of care 4/2009, Seite 4. Weitere Informationen auch unter http://villaroma.de/

****) Mehr unter https://www.martha-maria.de/seniorenzentrum-lichtenstein-honau.php

 

Quelle: PRIMAVERA LIFE, Bildquelle/Pflanzenöle: Primavera Life, Archivilder, Bildquelle/Melisse: heilkraeuter.de, Bildquelle/Rose weiß: KNJ/Martina Uckermann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.